Du bist frei, aber du musst wissen was du willst... Hellhörig, wie er mit 42 Jahren geworden war, also damals als Fellini 1963 diesen Film drehte, hatte er endlich die geheimnisvollen Worte seiner Muse/Seele gehört und sich dann zunächst versteckt unter einem Tisch vor der riesigen Attrappe eines Raumschiffes... und sich erschossen. Aus welchem Grund auch immer aber trotzdem weiter gelebt.
Für Bergman war der Film der sein Leben rettete Persona, für Fellini war es 8 1/2 , wie wir auf der zu dieser ARTHAUS EDITION beigelegten DVD in einer Dokumentation unter dem Titel Die letzte Szene erfahren.
Wahre Stärke kommt daher das man seine Schwächen kennt. Und diesen Schwächen stellt sich Fellini mit diesem Film in unerschrockener Ehrlichkeit. Seit dem es diesen Film gibt, teilen wir alle etwas das besser als eine Geschichte ist, denn den direkten Blick in die Seele erschafft er hier vor unseren Augen: Der kreative Prozess ist die Struktur des Films selbst und wo wir kreativ sind, nur dort sind wir auch wahrhaftig. Wo wir schöpferisch sind, da ist unser wahres Sein.
Alles ist in diesem Film am Fließen, in Bewegung. Es ist ein Film über Bewegung. Und die Suche nach der Muse/Seele ist diese Bewegung. Film als Bewusstseinsstrom, als Suche nach dem verlorenem Kinderblick. Film als Resonanz-Raum aller möglichen Träume.
In diesem Film gibt es, wie in Beethovens Quartett in a-Moll, eine Heiterkeit, die die menschliche Heiterkeit transzendiert. Zeitgenössische Zuschauer berichten noch heute von den endlosen Diskussionen, die dieser Film seinerzeit auslöste. Wir heute können erkennen, wie die Menschheit schon damals allmählich darauf vorbereitet wurde auf eine neue Stufe der Selbsterkenntnis gehoben zu werden - jenseits von Schuld. Doch wer half Fellini damals den Weg zu seinen inneren Welten zu öffnen?
Ernst Bernhard war dieser Mann, der Fellini in Rom half diesen Schritt zu sich selbst zu beschreiten. Bernhard emigrierte 1936 mit seiner zweiten Frau von Berlin nach Rom. Mit sich brachte er die Ideen C.G. Jungs, ein Wissen über den therapeutischen Effekt der Traumanalyse und die Unterschiede zu Sigmund Freud. Er war damals ein Geheimtipp in der römischen Kultur- und Intellektuellenwelt.
Notizen Ernst Bernhards zu seinem Leben und seine ganz eigenen Gedanken zum Individuationsprozess sind in dem kleinen Band "Mythobiografie" veröffentlicht.
Das zwanzigste Jahrhundert scheint allmählich wirklich zu Ende zu gehen. (So wie ja auch gegen 1914 erst das neuzehnte Jahrhundert zu Ende ging.)
Es lohnt sich kurz einen Blick auf das ganze Werk von Fellini. Letztens hat mein Sohn zusammen mit mir Fellinis Film "Die Gauner", aus dem Jahre 1955 angesehen, der dem System der allgemeinen Betrügerei in unserer Gesellschaft, welches jetzt endlich auch für alle immer offensichtlicher wird, ein Gesicht zu geben scheint. Dies ist ein wirklich hervorragender Film über die alles durchdringende Schwindelei der Menschen und über die innere Grundsatzentscheidung die notwendig ist, um aus dem bisherigen gesellschaftlichen Kreislauf der Gier herauszubrechen. Denn solange ein Mensch nicht grundlegend aus diesem Kreislauf herausbricht, steckt er doch mehr oder weniger in der allgemeinen Gier und Gaunerei mit drin, einfach weil ständig der Eine den Anderen dazu verführt auch etwas mehr auf den eigenen Vorteil zu achten. Wie kann jeder in unserer Gesellschaft jetzt aus diesem Kreislauf ausbrechen? Wie schon immer: Nur durch die Macht der Liebe; durch ein tiefgründiges Loslassen.
"Il bidone" lief seinerzeit nur um über 10 Minuten geschnitten in den deutschen Kinos, und stand überhaupt viel zu lange im Schatten der kurz zuvor entstandenen anderen Meisterwerke Fellinis "The White Sheik" (1952), "I Vitelloni"(1953) und "La Strada"(1954).
Wenn man diese frühen Filme von Fellini sieht kann einem auffallen, wie er sich Schritt für Schritt der Analyse der die Gesellschaft zunehmend zersetzenden Marktkräfte nähert. Dies alles gipfelt dann in der all umfassenden Kritik der neuen Medien-Religion des Glamours in Filmen wie "La dolce vita", "Toby Dammit" und "Ginger and Fred".
Nehmen wir diese Analyse ernst, sehen wir inwiefern die neue Medien-Kultur die Basis lieferte für die Kultur der Gier - und umgekehrt. Wie der politische Apparat seine repressive Regierungsmacht über eine Ad-hoc-Autorität ausübt, die sich Unterhaltung nennt. Den Blick für eine Weile von einer solchen Erkenntnis nicht abzuwenden - all die Fäden zu spüren die dieses Netz ausmachen - kann dazu führen sich für eine völlig neue Wirklichkeit zu öffnen.
Der Schlüsselfilm im Werke Fellinis ist natürlich "8 1/2". In diesem Film erlebt der Regisseur, in der Gestalt seines Protagonisten und Filmemacher Guido, was wahre Liebe ist. Sein Traumbild, das in seinem Film von Claudia Cardinale gespielt, macht ihm dort klar, was im Grude sein Problem ist: Er weiß nicht, wie man liebt.
In einer Szene des Film empfängt ein Magier in einem Kurhotel Guido's innerste Gedanken und schreibt sie, ohne sie zu deuten, an eine Wand: Asa Nisi Masa. In einer weiteren Szene liegt Guido als kleines Kind in einem Bett und ein Mädchen erzählt ihm, dass in der Wand ein Schatz verborgen sei, der mit einer Beschwörung geborgen werden könnte. Guido starrt auf die Wand und das Mädchen murmelt seine Formel: Asa Nisi Masa.
Das ist also der Ursprung der geheimnisvollen Worte. Guido selbst weiß nicht, was sie bedeuten. Und doch ist es so einfach: Wenn man die jeweils zweite Silbe weglässt, ergibt sich A-Ni-Ma, Anima: Die Seele. (Mehr hierzu kann man in dem gelungenem Beiheft dieser ArtHaus Edition finden.)
Fellinis Werk ist in seiner zweiten Schaffensperiode, die durch "8 1/2" eröffnet wird ganz und gar durch seine Beschäftigung mit C. G. Jung geprägt.
Und ganz im Sinne der Individuation von Jung findet Guido nach einem symbolischen Tode, am Ende seines Filmes, wonach er suchte: Erlösung, Erkenntnis, wahre Liebe- Gott.
Fellinis Filme waren ein Glanzlicht im vergangenen Jahrhundert. Seine Art der musikalischen Inszenierung, nur getragen von einer freien Gedankensprung-Dramaturgie, hatte etwas für den Geist zutiefst befreiendes. Paul Nizon brachte das einmal sehr gut zum Ausdruck, als er schrieb: "Er richtet seine Aufmerksamkeit auf das Alltägliche, das vom Neorealismus übernommene Banale des Daseins - und damit gleichzeitig auf das Tiefste überhaupt: auf das Entweder/Oder, auf den Akt einer freien Wahl und damit Individation: Menschwerdung. Sündenfall oder Gnade. Fron oder Freiheit. Das Leben ist schön und traurig - in solcher Sicht. Das Leben ist einzig. Nur das ... (zeigt Fellini).
Es geht um die Schönheit, weil Unwiederbringlichkeit des Lebens, um die Würde des Menschen. Es geht um das Hereinbringen der vieltönigen Lebensmusik, des Jahrmarktgekreischs - um nicht weniger als das WUNDER darzutun, das in der menschlichen Existenz verborgen liegt, um das Wunder des Lebens. Und dieses Wunder bringt Fellini immer wieder fertig, und zwar unter Wiederherstellung des "ersten Blicks", jener Optik, als alles noch ungedeutet hereinbrach in die reine Seele. Diesen mächtigen, empfindungsmächtigen ersten Blick gilt es wieder herzustellen, diese Fähigkeit des Wunderns und wunderwärtigen Aufnehmens. Im Grunde hat Fellini immer wieder nur dieses "Geheimnis" neu einzufangen versucht."