Mehr als 4000 Seiten umfasst die Autobiographie Casanovas (1725-1798), in welcher der Autor ein brilliant erzähltes Zeugnis
seines bewegten Lebens und seines Zeitalters ablegt. Fellinis Film dauert (in der hier ungekürzten Fassung) 148 Minuten und kann daher natürlich nur bruchstückhaft die markantesten Episoden aus C.s Leben widerspiegeln (wie übrigens alle C.-Verfilmungen). Die Handlung des Films folgt dabei nicht wirklich einem roten Faden, sondern stilisiert und rafft die Episoden sehr stark; auch nimmt es Fellini mit der vorlagengetreuen Umsetzung nicht so ganz genau, was der Erzählung aber nicht schadet. Schließt sich hinter C. gerade erst die Kerkertür, er ist er auch schon im nächsten Augenblick wieder auf freiem Fuß (tatsächlich verbrachte er 15 Monate unter den venezianischen Bleikammern, bis ihm die berüchtigte Flucht gelangte, deren Geschichte er später auch veröffentlichte). Fellini liegt es nicht daran, C.s Leben biographisch genau zu verfilmen oder nur einen bunten Kostümfilm zu drehen, sondern er setzt sich mit der Person C. sehr psychologisch auseinander. Er zeigt die Hauptfigur sehr überzeichnet als ruhelosen, von seiner Leidenschaft getriebenen Mann, der nirgends zu Hause ist und dessen Ruf des Womanizers schon lange vor ihm eintrifft, wenn er sich in eine andere Stadt begibt. Vergeblich bemüht er sich um Anerkennung als Schriftsteller und Philosoph bei den Edlen und Adligen, doch kann er letztlich nur mit seiner Potenz punkten. Bezeichnend das Ende, wo er als Greis beim Rezitieren seines geliebten Ariost von allen ausgelacht wird. Interessant die bei jedem Geschlechtsakt erscheinende Figur des mechanischen goldenen Vogels, der den Liebesakt als eine Art immer wiederkehrenden Automatismus symbolisiert, den er in einem hölzernen Kasten mit sich herumträgt und dessen höriges Opfer C. ist. Interessant auch die anderen Figuren des Films. Fast alle wirken wie Karikaturen (obwohl es die okkulte Mme d'Urfe tatsächlich gab). Man darf durchaus annehmen, dass es derartige "Freaks" im Europa des 18. Jhrt. zuhauf gegeben hat; dies kann man aus C.s Memoiren entnehmen. Am Ende seines Lebens ist C. schliesslich ein einsamer und verbitterter Mann, Ausgestossener seiner Vaterstadt Venedig, der sein Zeitalter überlebt hat (die französische Revolution schlägt dem Ancien Regime buchstäblich den Kopf ab) und nur noch von den Erinnerungen lebt. Die letzte Szene zeigt dann auch eine Traumsequenz, in der er wieder in Venedig auf dem Eis des zugefroren(!) Canale Grande mit einer mechanischen Frauenpuppe tanzt, die wahrscheinlich alle vergangenen Liebschaften seines Lebens in sich vereint symbolisiert. Der Film besitzt seine eigene Magie und vermittelt eine sehr melancholische und bedrückende Stimmung, die sich mit zunehmendem Alter Casanovas fortschreitend verdichtet und durch die kongenieale Musik von Nino Rota exzellent transportiert wird. Dazwischen tauchen aber immer wieder skurile und witzige Elemente in Form von Ereignissen und Personen auf (der exzentrische homosexuelle DuBois, die starke Riesenfrau im Zirkus, der Sex-Wettstreit, die Reinkarnationsprozedur Mme d'Urfes, die Dame, die andauernd in Ohnmacht fällt und jedesmal erneut zur Ader gelassen wird, u.a.). Die verschiedenen Nationen (Italien, Frankreich, England und besonders Deutschland) bekommen ihr Fett weg. Oft bekommt der Film theaterhaften Charakter, etwa indem gemalte Hintergrundkulissen auftauchen und Meereswellen mit Kunstnebel und Plastikfolie dargestellt werden. Dies nicht etwa, weil Fellini das nötige Geld fehlte, sondern weil er es als Stilmittel perfekt in der Szene einzusetzen wusste. Welcher Filmregisseur würde dies heute noch tun? Donald Sutherland hat sicher durch zahlreiche andere Filme Berühmtheit erlangt, er war aber wahrscheinlich nie besser als in dieser besten aller Casanova-Verfilmungen, die es nun endlich doch auf DVD geschafft hat und die man immer wieder ansehen kann. Deren Bild- und Tonqualität ist übrigens Arthaus-gemäß gut, wenn auch der Ton nur
in Mono vorliegt (4 Sprachen). Erwähnenswert ist vielleicht, dass der Farbkontrast etwas stärker als normal ist, was wahrscheinlich in der damaligen Umsetzung begründet liegt, da die kräftigen Farben die Philosophie dieses Films angenehm untermalen.
Also eine klare Kaufempfehlung von mir, aber Liebhabern von Fellini oder 'Casanovisten' muss man nicht erst lange bitten...