Ich lese seit meiner Jugend englische Bücher sehr gern im Original, Tolkien und Prattchet z.B. stellten bisher kein Problem dar, Mason&Dixon von Pynchon und auch Gormenghast von Peake gingen nicht so glatt und sind bisher nur halb gelesen, vielleicht wäre ich aber auch auf deutsch nicht damit warm geworden.
Ich habe mir die ersten beiden Romane aus der Aubrey/Maturin-Serie deshalb im Original gekauft und war sofort begeistert. Kein simpler Abenteuerroman sondern tatsächlich anspruchsvolle und hervorragend recherchierte Literatur, die gesellschaftlichen Schlachten an Land im zweiten Teil (bei denen der Held der Geschichte gehörig ins Schwimmen gerät) nicht minder spannend, als die Schlachten auf See.
Um gerade bei ersteren auch die Feinheiten zu verstehen, bestellte ich mir zusätzlich auch die deutsche Version, um hin und wieder eine Passage auf deutsch nachlesen zu können - aber bereits auf den ersten Seiten packte mich das kalte Grausen: nun weiß ich, warum die Bücher hierzulande nicht halb so populär sind, wie im englischsprachigen Raum.
Es ist klar, dass eine Übersetzung nie 100% des Ursprungstextes transportieren kann. Das gilt v.a. für die - im Englischen wohl besonders ausgeprägten - sprachlichen (dialektalen) Unterschiede je nach regionaler, v.a. aber auch sozialer Herkunft. Aber warum werden diese Unterschiede nicht wenigstens da Übernommen, wo das ohne Not oder die Gefahr der Lächerlichkeit möglich wäre? Der deutsche Text verliert dadurch viel von der Atmosphäre des Ursprungstextes; aber das ist noch Klagen auf hohem Niveau.
Verwirrtes Stirnrunzeln rufen bei der Lektüre des deutschen Textes dann schon Schludrigkeiten hervor, wenn z.B. bei aller Akribie, die zur Übersetzung der seemännischen Fachausdrücke aufgewandt wurde, die englische Längeneinheit leagues (im nautischen Kontext 3 Seemeilen, also gute 5,5 km) stumpf mit "Meilen" übersetzt wird. Bestimmte Vorkommnisse oder Aussagen werden dadurch sinnentstellt und unlogisch.
Schlicht ärgerlich wird es, wenn Jack Aubrey auf einem Ostindienfahrer des Jahres 1802 oder 1803 "moderne Hinterladerkanonen" entdeckt. Aubrey muss schon ein biblisches Alter erreicht haben, wenn er die Einführung von Hinterladern in der Royal Navy noch miterlebt haben soll (nach 1880). Gemeint waren übrigens damals noch recht neue Kanonen die per "flint lock" (also Steinschloss) gezündet werden konnten, statt - wie bis dato - mit einer glimmenden Lunte (was viel gefährlicher war).
Völlig Fassungslos machen einen dann Dinge wie die Übersetzung von "blackpudding" mit "Korinthenkuchen" (blackpudding ist Blutwurst, herrgottnochmal!), das Weglassen ganzer Halbsätze oder das Stehenlassen von englischen Wörtern, die für jemanden, der des englischen nicht mächtig ist, völlig unverständlich sind. Das krasseste Beispiel kam mir beim ersten Auftauchen von Diana Villiers unter, die in Begleitung ihres "Groom" angeritten kommt. Das steht - wohlgemerkt - im deutsche Text, zweimal direkt hintereinander. Bei der dritten Erwähnung zwei Sätze weiter ist dann endlich vom "Pferdeknecht" die Rede (so die korrekte Übersetzung in diesem Zusammenhang) - wobei sich der unbedarfte Leser, der noch darüber rätselt, was in Gottes Namen ihr "Groom" sein könnte, vollends verwirrt fragen dürfte, wo nun plötzlich der Pferdeknecht herkommt. Gab es vor der Veröffentlichung des Textes eigentlich ein Lektorat?
Die hier aufgeführten Beispiele sind nur die krassesten, die mir beim Nachlesen einiger komplexerer Passagen übel aufgestoßen sind; ich mag mir gar nicht Vorstellen, was eine ernsthafte Synopse noch zu Tage fördern würde - und ich bin weit davon entfernt, Anglist zu sein.
Kurz gesagt: die Romane sind toll, aber die Übersetzung hat mich stellenweise an maschinelle Übersetzungshilfen im Internet erinnert: uninspiriert, mechanisch-technisch und teilweise Falsch bis ins Komische. Der Text verliert durch die Übersetzung leider ganz erheblich und auf deutsch lesen sich die Romane wie billige Bahnhofsliteratur. Dazu passt die billigen Aufmachung der deutschen TB-Ausgabe und die grausigen Titel. Das diese Bücher im deutschsprachigen Raum viel weniger Beachtung finden, verwundert deshalb nicht. Sehr schade.
Mein Tipp bei auch nur einigermaßen vorhandenen, passiven Englischkenntnissen: ordentliches Englischwörterbuch besorgen, "A Sea of words" von Dean King kaufen (wunderbares Lexikon zu den marinen Fachausdrücken mit kurzen aber informativen Einführungen zum historischen Hintergrund) und das Original lesen. Wird man nicht dümmer von.