Singer, Isaac Bashevis, Feinde, die Geschichte einer Liebe, 1972 (SZ-Bibliothek 2007)
Singer erzählt hier die Geschichte von Juden in New York, die dem Holocaust entgangen waren. Dabei handelt es sich um sehr menschliche Gestalten, keine Idealtypen: "In hundert Jahren wird man die Ghettos idealisiert haben, und der Eindruck wird entstehen, dass sie nur von Heiligen bewohnt waren. Eine größere Lüge konnte es nicht geben." (159).
Herman ist ein unscheinbar aussehender Mann, fatalistisch, fast willenlos, wird aber von drei Frauen begehrt: von Tamara, seiner totgeglaubten Frau, die plötzlich doch wieder auftaucht, von Yadviga, der einfachen polnischen Frau, die ihn während der Nazizeit auf dem Heuboden versteckte und nun zum jüdischen Glauben konvertiert und die er aus Dankbarkeit heiratete, und von der schönen, heftigen Mascha, die mit ihrer alten Mutter zusammenlebt. Man neigt zunächst dazu, die Geschichte der Verwicklungen, die sich naturgemäß ergeben, als Tragikomödie anzusehen, bis sich plötzlich ein Furioso der Verwicklungen und Komplikationen ergibt, die die Geschichte immer mehr zur Tragödie gestalten. Bis zum Schluss fragt man sich, ob Herman die Frau, die er am heftigsten liebt, bekommt und ob es eine gute Lösung gibt, die allen Beteiligten Gerechtigkeit widerfahren lässt. Aber erst in den letzten Sätzen und im knappen Epilog erfahren wir den Ausgang, und der ist wahrlich nicht mehr zum Lachen.
Herman ist durch das Trauma der Verfolgung durch die Nazis verstört, so dass er sein Leben nicht unter Kontrolle bekommt. Aber es scheint doch, als ob seine Verzweiflung am Leben noch tiefer liegt: "Er war nicht ein Opfer Hitlers - er war ein Opfer schon lange vor den Tagen Hitlers gewesen.", geht ihm durch den Sinn. (118). Wiederholt relativiert der allwissende Erzähler den Wert alles menschlichen Bemühens und aller Philosophien und verweist auf eine Kraft im Menschen, die sich gegen jedwede bessere Einsicht mächtig durchsetzt: "Man konnte an Monaden glauben, an den Zeitgeist, an den blinden Willen, an europäische Kultur und immer noch Greueltaten begehen." (166). Und für Herman bedeutet das, dass er zum Fatalisten wird: "Er war bereit, sich von höheren Gewalten leiten zu lassen, ob sie nun Schicksal hießen, Vorsehung oder Tamara." (237).
Singer pflegt einen ausgesprochen realistischen Stil, in dem auch die allerplattesten Details und Widrigkeiten vorkommen, die nun mal das Leben des modernen Großstadtmenschen bestimmen. Ab und zu gehen Herman - und darin erkennen wir wohl die Stimme des Autors selbst - philosophische Gedanken durch den Kopf - er schreibt schließlich selbst Bücher für einen Rabbi -, aber subjektive Schilderungen von Empfindungen sind rar, sie treten hinter faktischen Beschreibungen fast ganz zurück. Gefühle, Stimmungslagen werden eher durch atmosphärische oder symbolträchtige Beschreibungen deutlich gemacht, denn: "Neben der Subjektivität von Erscheinungen gibt es eine mystische Objektivität." (64). So zum Beispiel der Baum, den Herman staunend betrachtet, als er im Begriff steht, aus seinem zeitweilig scheinbar so geordneten Leben plötzlich wieder auszubrechen und gegen jede Vernunft und Moral mit Mascha auf und davon zu gehen: "Jeden Winter war er davon überzeugt gewesen, dass der Baum, der mitten im Unrat von Müll und alten Konservendosen stand, nun endgültig verdorrt und abgestorben sei. Der Wind riss ihm Zweige ab. Streunende Hunde urinierten an den Stamm, der mit der Zeit immer dünner und knorriger zu werden schien. Die Kinder der Nachbarschaft schnitten ihre Initialen, Herzen und sogar Obszönitäten in seine Rinde. Aber wenn der Sommer kam, war er voller Laub. Die Vögel zwitscherten in dem dichten Wipfel. Der Baum hatte wieder einmal seine Mission erfüllt, ohne sich darüber Sorgen zu machen, dass eine Säge, Axt oder auch schon die glühenden Zigarettenstummel, die Mascha gewohnheitsmäßig aus dem Fenster warf, sein Dasein beenden konnten."(253).
Singer bringt uns die Überlebenden des Holocaust in seinem einfach zu lesenden und spannenden Roman nahe, aber sie stehen nicht nur als Juden, nicht nur als Opfer der Nazis vor unserem inneren Auge, sondern als Menschen. Einmal geht Mascha in einem Streit mit Herman sogar so weit zu sagen: "Warum machst du so viel aus dem Wort Nazi? Wir sind alle Nazis. Die ganze menschliche Rasse!" (224). Nach Isaac B. Singer sind wir Menschen, die sich letztlich in den Fäden eines unentwirrbaren Geschicks, das aus Zufall, Charakter und Zeitumständen besteht, tragisch verfangen, wenn man nicht, wie Tamara, geläutert aus dem Leid hervorgeht, seine Lage illusionslos betrachtet und ein geordnetes Leben führt, das sich der Moral und tätiger Hilfe verpflichtet weiß.