Vordergründig geht es um eine Familie, die die Nazivergangenheit des Großvaters verheimlicht - gerade in diesen Tagen ein viel diskutiertes Thema, doch es geht für mich um sehr viel mehr. Doris Konradi sieht die Welt mit eigenen, sehr feinen Augen und legt ihre Beobachtungen feinfühlig in ihre sehr autentischen Figuren. Hier ein Zitat, in dem eine der Protagonisten den Familienvater beschreibt:
"Er trug seinen weinroten Pullunder zu Hemd und Hose, seine Hauskleidung, die er sich leistete, wenn er fernab aller offiziellen Begegnungen war, bequem, aber keine Spur nachlässig. ... Er stand auf Socken, trug nicht die ledernen Pantoffeln, die seinem lässigen Aufzug das richtige Maß an Korrektheit verliehen, sondern nur dünne schwarze Herrensocken. Seine knochigen Füße wirten nackt, fast anzüglich, wie ein geöffneter Blusenknopf oder ein zu kurzer Rock Körperteile ahnen ließen, die gewohntermaßen verdeckt blieben. Gleich wirkte er unbeholfen im unvollständigem Habit, als seien es die Schuhe und nicht seine Füße, mit denen er den Boden spürte, die ihm seine Standfestikeit verliehen."
Diese feinsinnige Beschreibung schwarzbestrumpfter Herrenfüße, zieht einem doch die Schuhe aus, oder?
Freunde wortgewaltiger Literatur werden in diesem Buch eine ganze Truhe solcher Wortperlen finden - ein Schatz, der den leider etwas hohen Preis auf jeden Fall rechtfertigt. Selten habe ich eine kurzweilige, stimmungsvolle Geschichte, interessante Personen und eigenwillige Gedanken in einer solchen Symbiose gelesen.