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Pauschalschuld der Globalisierung?
Verschobene Akzente des Strukturwandels
Nur wenige Schlagwörter aus der wirtschaftlichen Gegenwart sind in ähnlich pauschaler Weise feindbildartig belastet wie dasjenige der Globalisierung. Es verbindet sich damit Argwohn gegen die sogenannt neoliberale Marktwirtschaft und ihre Verantwortung für Bösartigkeiten wie fusionsinduzierten Unternehmungsgigantismus, wachsende Klüfte zwischen Reich und Arm, Beschäftigungsnöte und die Bedrohung des Sozialstaates. Was davon zu halten ist, erörtert eine originelle Studie des Pariser Ökonomen und Dozenten Daniel Cohen. Sie hält sich frei von schematischen Wertungen und setzt neuartige Akzente zu dem tatsächlich vor sich gehenden Strukturwandel sowohl der Weltwirtschaft als auch der einzelnen Volkswirtschaften. Zu den auffallenden Befunden zählt die Aussage, in den traditionellen Industrieländern sei nicht die Globalisierung die Hauptursache von Arbeitslosigkeit, sondern die eigene Neigung zur Veränderung der Arbeitswelt schaffe der Globalisierung erst den nötigen Raum. Dass dabei die Beschäftigungs- und Einkommensdisparitäten zwischen qualifizierter und unqualifizierter Arbeit zunehmen, schreibt der Autor weit mehr der «Innovationsexplosion» als «Markenzeichen des derzeitigen Kapitalismus» als der Billiglohnkonkurrenz aus Schwellen- und Entwicklungsländern zu. Denn deren Welthandelsumsätze machten nur einen «äusserst geringen Anteil» des internationalen Güteraustausches aus.
Drastische Beispiele
Es fehlt in dem Band nicht an illustrativen Veranschaulichungen drastischer Art, die mit dem Stil der Arbeit zusammenhängen. Diese ist weit mehr ein Lesebuch als ein Lehrbuch. Dennoch werden aussagekräftige ökonomische Nachweise geführt und auch dogmenhistorisch untermauert. Auf diese Weise wird einsichtig, dass Globalisierung keineswegs eine grundlegend neuartige Erscheinung ist, sondern seit der frühindustriellen Zeit des 18. Jahrhunderts die Wirtschaftsgeschichte begleitet und in der Lehre ihren Niederschlag gefunden hat. Als ein Beispiel dafür gilt die klassische Freihandelstheorie. Im Anschluss daran nennt Cohen das «Leontieff-Paradoxon», wonach (im Gegensatz zu den herkömmlichen Vorstellungen) die nördliche Hemisphäre nicht einfach kapitalintensive Güter gegen arbeitsintensive Waren der Dritten Welt austauscht, sondern eher das Gegenteil zutrifft. Es ist jedenfalls unter dem Modell der komparativen Kosten «der Anteil der qualifizierten Arbeit an der Gesamtbeschäftigung, der die Scheidelinie zwischen Nord und Süd bildet». Was im übrigen den Aufschwung der Tigerstaaten betrifft, so verdanken sie ihre Erfolge laut Cohen zuvorderst der Privatwirtschaft, den Vorzügen der Kapitalakkumulation, der Berufsbildung und der aussenwirtschaftlichen Offenheit. Dadurch nähern sie sich im Wettbewerb den alten Industrieländern, und sie belegen, dass Protektionismus eine durchaus verfehlte Rezeptur wäre.
Arbeitsplatzschaffende Mobilität
Fortgesetzt wiederholt sich die These vom Strukturwandel in der Arbeitswelt, den vor allem in Europa interventionistische Instrumente sinnwidrig hemmen, darunter gesetzliche Mindestlöhne, staatlich geschützte Gesamtarbeitsverträge und überdimensionierte Arbeitslosenversicherungen. Im Gegenzug wird die in Nordamerika vorherrschende, arbeitsplatzschaffende Mobilität hervorgehoben. «Aus diesem Blickwinkel wird», so liest man, «sichtbar, wie wenig die Angst, der Welthandel zerstöre Arbeitsplätze, das eigentliche Problem trifft.» Schon gar nicht lässt sich diese Folgerung auf die Krise des Sozialversicherungswesens übertragen, das gleichsam eigenständig auf dem Weg über wachsende öffentliche Defizite zu bedrohlichen gesamtwirtschaftlichen Störungen führen kann. Die Argumentation mündet dann in die Propagierung des Mittels der negativen Einkommenssteuer; in dieser sieht Cohen ein Element des gebotenen Umbaus des Wohlfahrtsstaates, der unabhängig von Globalisierungsvorgängen als entschieden überholungsbedürftig erscheint.
Willy Zeller -- Neue Zürcher Zeitung
Mark Kleinschmidt
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