Solch, ein heftiges Buch, habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Der, mit Preisen ausgezeichnete Roman, erzählt vor allem, die Geschichte einer Frau, namens Aliide Truu, die während der vierziger Jahre, im letzten Jahrhundert, ein Drama erleben sollte, das in der estnischen sozialistischen Sowjetrepublik spielt, an der Grenze zu Finnland, das letztendlich in eine Traumaverarbeitung mündet, die mit grosser Beobachtungsgabe, vom Beschädigen jener Lebensentwürfe und Lebensschicksale erzählt, vor dem Hintergrund von Agenten und Menschen, denen man nicht trauen konnte, Kommunismus, dem Widerstand dem System gegenüber, jener Widerstandskämpfer, die sich für ein freies Estland, unter der Besetzung, der Russen einsetzen wollten, zu denen auch Hans Pekk (ein estnischer Bauer) gehören sollte, dessen Tagebuchblätter sporadisch eingestreut werden, der in einem besonderen Verhältnis zu Aliide stand, und dessen Widerstand, wie vieler anderer auch, letztendlich als Landesverräterische Tätigkeit mit fatalen Folgen bestraft worden wäre... hätte man ihn gefunden. Ein Land, das erst mit dem Fall des sowjetischen Reiches wirklich freikommt, im Jahr 1991. Ein Buch, das auch dazu beiträgt, sich ein wenig mit diesem Land und deren Geschichte zu beschäftigen.
Der Roman, der finnischen Schriftstellerin, der in 25 (!) Ländern erscheint, erzählt vor allem auf 2 Handlungsträngen (welch ein schreckliches Wort), nebst dem, dass jedes Kapitel, mit einer Jahreszahl beginnt, und wir als Leser ständigen Zeitsprüngen vor und zurück uns einzustellen haben... Ein Roman der zwischen 1936 und bis 1992 angesiedelt ist, wo er auch beginnt. Eine junge Frau, Zara, landet eines Tages, in der estnischen Provinz in der Nähe von Tallinn, vor dem Haus der alten Aliide. Hungrig, dreckig, verwahrlost. Sie nimmt sie auf, ohne zu wissen, wer sie ist. Wer ist die Frau, wo kommt sie her, was will sie, und warum ausgerechnet vor Aliides Haus? Daneben wird im Wechsel das Leben, von Aliide erzählt, von ihrer Schwester Ingel und ihrem Mann Hans, den sie insgeheim liebt. Durch seinen Widerstand, gegenüber dem politischen System, wird er von der Polizei gesucht. Aliide, hält ihn in ihrem Versteck versteckt, lässt Verhöre, Misshandlungen, Erniedrungen über sich ergehen, nur um diesem Mann, der eigentlich, mit ihrer Schwester verheiratet ist, zu schützen, um sein Leben zu retten.
Zara, ist eine junge Prostituierte, die im Westen das grosse Geld machen wollte, jedoch von ihrem Zuhälter Pascha verfolgt wird, von dem sie misshandelt und ausgebeutet wird. Weil, sie aus diesem Gefängnis von Brutalität und Erniedrigung ausbrechen will, haut sie ab. Beide Frauen, obwohl völlig unterschiedlich, in verschiedenen Generationen lebend, erleben Männer, die sie auf brutalste Art und Weise behandeln, mit körperlicher Gewalt, aber auch psychischem Druck, der die Frau gefügig machen soll. Obwohl beide Frauen, wenig voneinander wissen, teilen sie diese unscheinbare, unsichtbare Erfahrung unter ähnlichem Nenner. Beide Stränge, (immer noch schrecklich) entwickeln sich aufeinander zu. Oksanen verrät nicht alles, lässt den Leser mitforschen und miträtseln, wohin sich die Geschichte entwickeln will, und lässt vieles auch offen, oder unbeantwortet.
Die Autorin, beschreibt darin eine Atmosphäre, wo man den Atem anhält, Herzklopfen bekommt, völlig unter Strom ist, die, aber auch beklemmend, bedrohend, brutal, verstört und hart ist, wo das Männliche das Weibliche zu zerstören droht, und gleichzeitig das Weibliche das Männliche beschützen will, was wie absurd erscheint. Es ist, mit solcher eindringlicher Härte niedergeschrieben, dass man Gänsehaut bekommt und es ungemütlich wird. (Ziehen Sie sich warm an) Oksanen, mutet dem Leser diese Brutalität zu, auch, wenn sie dabei, dann doch nicht bis zum Letzten geht, den Leser in die eigene Vorstellung entlässt. Eine polizeiliche Einvernahme von Aliide, die verdächtigt wird, zu wissen, wo Hans Pekk ist, die vorgenommen wird, wird auf menschenverachtende Art und Weise behandelt, und so tief gehen sollte, was sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen sollte...
Eine Traumaverarbeitung, einer mittlerweile alten Frau, die am Waldrand lebt, und Marmelade und Gemüse einkocht. Die, aus Liebe, ja sogar einer Art Abhängigkeit, einen Mann beschützt, dadurch ihr Leben riskiert und gleichzeitig mit mit ihrem Mann Martin verheiratet ist und zusammenlebt, ohne dass er davon weiss, dass sie Hans in einen Versteck in ihrem Haus versteckt. Vielleicht, ist dieses Buch ja ein Frauenbuch, dass die Brutalität der Männer, durch seinen politischen Hintergrund darstellen will. Es ist aber auch ein politischer Roman, der aufzeigt, wie politische Hintergründe bis in Einzelschicksale hineinwirkt, der davon erzählt, wo dieses Land in jenen Jahren stand, das sowohl von Russen als auch Deutschen besetzt wurde. Den weiblichen Widerstand, in all seinen Formen, aber auch die Selbstbehauptung gegenüber dem zerstörerischen Männlichen. Eine aufrüttelnde und bis zur Schmerzgrenze spannende Story, um die Standhaftigkeit einer Frau, in den vor allem vierziger Jahren, die sich nicht brechen lassen will. Es erzählt, wie die Brutalität der Männer, Frauen verändert, welche Spuren, Folgen, innere Konsequenzen und Narben es hinterlässt. Es erzählt von gebrochenen Menschen. Es zeigt sogar, im Laufe der Geschichte, die brutale Seite von Aliide auf...zu der sie vielleicht erst geworden ist..
Eine Lebensbeschreibung, die zeigt, was sie alles opfert, gibt, wie sie hofft und bangt und mit welchen Schicksalsschlägen und Enttäuschungen, sie zu kämpfen hat. Ein Erzählstil, wo die tieferen Zusammenhänge, erst nach und nach langsam an die Oberläche kommen. Eine Autorin, die einen Blick für das Detail hat, was ich sehr, mochte an diesem Roman. Eine Geschichte, die unglaublich viele Schichten und Dimensionen hat. Ein überaus lesenswerter Roman, nichts für zartbeseitete Menschen, der mehr als nur unter die Haut geht, und den Leser mit einer Heftigkeit aufsucht, wie man sie selten so stark auffindet, ein Roman, der einen nicht mehr so schnell los lässt, weil er so packend erlebt wird. Eine Geschichte über Gewalt, Opfer, Schuld und innere Abgründe, angesichts zweier verschiedener Frauengenerationen. Und, auch, wenn es weh tut, zu lesen, so etwas, habe ich schon lange nicht mehr gelesen, so etwas Durch und Durch Aufrüttelndes, wie dieser neue Roman von Sofi Oksanen, der eindringlicher aber auch aufwühlender nicht sein könnte...und dessen Wirkung weit über das Gelesene hinausgeht...ein starkes Buch.