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Fegefeuer: Roman
 
 
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Fegefeuer: Roman [Gebundene Ausgabe]

Sofi Oksanen , Angela Plöger
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (23 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 395 Seiten
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch; Auflage: 1., Auflage (19. August 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3462042343
  • ISBN-13: 978-3462042344
  • Originaltitel: Puhdistus
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,4 x 3,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (23 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 60.970 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Sofi Oksanen
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Das international gefeierte Meisterwerk über Liebe, Verrat und Angst - vor allem vor der Gewalt der Männer.
Wer Äußerstes erlebt hat, ist auch Äußerstes zu tun im Stande - das zeigt dieser vielfach ausgezeichnete und hoch spannende Roman über zwei Frauen, die sich wie zufällig begegnen und die doch eine gemeinsame Geschichte verbindet.
Als Aliide Tru, eine alte Frau, die allein in einem Bauernhaus auf dem estnischen Land lebt, ein Bündel in ihrem Garten findet, das sich als junge Frau entpuppt, schluckt sie ihre Skepsis und Menschenverachtung herunter und nimmt Zara in ihr Haus auf. Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern, die sie mit brutalster Gewalt zu Willfährigkeit gezwungen haben und ihr schon dicht auf den Fersen sind. Doch Zara sucht keineswegs so zufällig Unterschlupf bei Aliide, wie diese glaubt: Aliide könnte die Schwester ihrer Großmutter sein.
Während Zara noch Beweise für die Verwandtschaft sucht und nach einer Möglichkeit, Estland zu verlassen, fühlt sich Aliide von der jungen Frau bedroht: Zu oft musste sie Leib und Seele, Hab und Gut vor Eindringlingen schützen. In Rückblenden entsteht das immer schärfer werdende Bild einer Familientragödie, die fast fünfzig Jahre zuvor, als Estland von den Russen besetzt wurde, ihren Höhepunkt fand. Rivalität und Eifersucht, Scham, Schutzbedürftigkeit und vor allem Angst vor der Brutalität der Männer gegenüber den Frauen - das sind die Motive, die Aliide zu unvorstellbaren Entscheidungen zwangen.
Sofi Oksanen gelang mit diesem Roman, der in mehr als 25 Ländern erscheint und gerade in den USA gefeiert wird, der große Wurf. Atemlos vor Spannung liest man über das Schicksal zweier Frauen, die ganz unterschiedliche und im Kern doch vergleichbare Erfahrungen machen: Egal welches politische System auch herrscht, Opfer sind immer die Frauen.

Über den Autor

Sofi Oksanen, geboren 1977, Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, studierte Dramaturgie an der Theaterakademie von Helsinki.Angela Plöger hat in Berlin, Budapest, Helsinki und Hamburg Finno-Ugristik und Slawistik studiert. Sie lebt als freiberufliche Übersetzerin vor allem finnischer Literatur und Dramatik in Hamburg.

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61 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Düster und spannend! 20. August 2010
Von Rude Lady
Format:Gebundene Ausgabe
Eigentlich wollte ich während des Lesens ein Zitat raussuchen, mit dem ich diese Rezension beginne. Leider habe ich das während des Lesens total vergessen, denn dieses Buch wollte einfach gelesen werden, ohne Pause.
Und ich muss sagen: "Fegefeuer" ist eins der besten Bücher, die ich in den letzten Monaten gelesen habe.

Aliide findet ein Mädchen in ihrem Garten - Zara - und nimmt sie bei sich auf, obwohl sie sie eigentlich lieber weiterschicken würde. Sie weiss im Gegensatz zu Zara nicht, dass die beiden verwandt sind. Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern und da Aliide die einzige Person ist, die sie in Estland zumindest von Erzählungen her kennt, flieht sie zu ihr. Die beiden lernen sich näher kennen, jedoch vertrauen sie einander zunächst nicht genug, um sich gegenseitig ihre Geschichte zu erzählen.
Denn diese ist bei beiden vor allem von einem gekennzeichnet: Gewalt durch Männer. Denn die Handlung beinhaltet auch die politische Geschichte von Estland vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg und das damit verbundene individuelle Schicksal der beiden Frauen. Beide waren während dieser Zeit der Willkür von Männern ausgeliefert und zollen dieser Zeit nun Tribut. Aliide hatte außerdem noch eine ganz andere Geschichte zu bewältigen, die sie mit Zara wieder einholt.

Die Handlung ist unheimlich gut strukturiert: Die Kapitel sind nach Jahren aufgeteilt, in denen jeweils die Geschichte einer der beiden Protagonisten erzählt wird. Man erfährt langsam immer mehr aus der Vergangenheit von Aliide und Zara und versteht nach und nach, warum die beiden so ängstlich und verschlossen gegenüber Fremden im Allgemeinen und Männern im Speziellen sind.
Zwischendurch kehrt die Handlung immer wieder in die Gegenwart zurück, wodurch man immer besser versteht, warum die beiden sich so verhalten, wie sie es tun.
Was mich vor allem so fasziniert hat, war die Spannung, die im Buch aufgebaut wurde. Die Geschichte hat mich deutlich mehr gepackt als manch ein Thriller, was ich vor dem Lesen des Buchs so nicht erwartet hatte und was mir darum umso besser gefällt.
Das Hauptthema des Buchs ist zwar Gewalt, jedoch werden die meisten Szenen, in denen es um Gewalt geht, nicht ausformuliert. Es bleibt der Fantasie des Lesers überlassen, sich diese vorzustellen, weshalb die Atmosphäre des Buchs auch nicht zerstört wird. Denn diese ist bewusst nüchtern beschrieben, um dem Leser eben diese Freiheit zu geben, sich die Geschehnisse selbst vorzustellen.
Das einzige, was mir am Roman nicht so gut gefallen hat, waren die Titel der Kapitel: Sie stellen eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Kapitel in Schlagwort-Form dar und sind damit einfach zu schlicht, um dem Rest des Buchs gerecht zu werden.
Fazit: Ein sehr düsterer, spannender und dramatischer Roman mit einer sehr interessanten Geschichte ' einfach rundum gelungen und vorbehaltlos zu empfehlen!
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14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Heftig und aufwühlend...! 28. November 2010
Von A. Zanker TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Solch, ein heftiges Buch, habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Der, mit Preisen ausgezeichnete Roman, erzählt vor allem, die Geschichte einer Frau, namens Aliide Truu, die während der vierziger Jahre, im letzten Jahrhundert, ein Drama erleben sollte, das in der estnischen sozialistischen Sowjetrepublik spielt, an der Grenze zu Finnland, das letztendlich in eine Traumaverarbeitung mündet, die mit grosser Beobachtungsgabe, vom Beschädigen jener Lebensentwürfe und Lebensschicksale erzählt, vor dem Hintergrund von Agenten und Menschen, denen man nicht trauen konnte, Kommunismus, dem Widerstand dem System gegenüber, jener Widerstandskämpfer, die sich für ein freies Estland, unter der Besetzung, der Russen einsetzen wollten, zu denen auch Hans Pekk (ein estnischer Bauer) gehören sollte, dessen Tagebuchblätter sporadisch eingestreut werden, der in einem besonderen Verhältnis zu Aliide stand, und dessen Widerstand, wie vieler anderer auch, letztendlich als Landesverräterische Tätigkeit mit fatalen Folgen bestraft worden wäre... hätte man ihn gefunden. Ein Land, das erst mit dem Fall des sowjetischen Reiches wirklich freikommt, im Jahr 1991. Ein Buch, das auch dazu beiträgt, sich ein wenig mit diesem Land und deren Geschichte zu beschäftigen.

Der Roman, der finnischen Schriftstellerin, der in 25 (!) Ländern erscheint, erzählt vor allem auf 2 Handlungsträngen (welch ein schreckliches Wort), nebst dem, dass jedes Kapitel, mit einer Jahreszahl beginnt, und wir als Leser ständigen Zeitsprüngen vor und zurück uns einzustellen haben... Ein Roman der zwischen 1936 und bis 1992 angesiedelt ist, wo er auch beginnt. Eine junge Frau, Zara, landet eines Tages, in der estnischen Provinz in der Nähe von Tallinn, vor dem Haus der alten Aliide. Hungrig, dreckig, verwahrlost. Sie nimmt sie auf, ohne zu wissen, wer sie ist. Wer ist die Frau, wo kommt sie her, was will sie, und warum ausgerechnet vor Aliides Haus? Daneben wird im Wechsel das Leben, von Aliide erzählt, von ihrer Schwester Ingel und ihrem Mann Hans, den sie insgeheim liebt. Durch seinen Widerstand, gegenüber dem politischen System, wird er von der Polizei gesucht. Aliide, hält ihn in ihrem Versteck versteckt, lässt Verhöre, Misshandlungen, Erniedrungen über sich ergehen, nur um diesem Mann, der eigentlich, mit ihrer Schwester verheiratet ist, zu schützen, um sein Leben zu retten.

Zara, ist eine junge Prostituierte, die im Westen das grosse Geld machen wollte, jedoch von ihrem Zuhälter Pascha verfolgt wird, von dem sie misshandelt und ausgebeutet wird. Weil, sie aus diesem Gefängnis von Brutalität und Erniedrigung ausbrechen will, haut sie ab. Beide Frauen, obwohl völlig unterschiedlich, in verschiedenen Generationen lebend, erleben Männer, die sie auf brutalste Art und Weise behandeln, mit körperlicher Gewalt, aber auch psychischem Druck, der die Frau gefügig machen soll. Obwohl beide Frauen, wenig voneinander wissen, teilen sie diese unscheinbare, unsichtbare Erfahrung unter ähnlichem Nenner. Beide Stränge, (immer noch schrecklich) entwickeln sich aufeinander zu. Oksanen verrät nicht alles, lässt den Leser mitforschen und miträtseln, wohin sich die Geschichte entwickeln will, und lässt vieles auch offen, oder unbeantwortet.

Die Autorin, beschreibt darin eine Atmosphäre, wo man den Atem anhält, Herzklopfen bekommt, völlig unter Strom ist, die, aber auch beklemmend, bedrohend, brutal, verstört und hart ist, wo das Männliche das Weibliche zu zerstören droht, und gleichzeitig das Weibliche das Männliche beschützen will, was wie absurd erscheint. Es ist, mit solcher eindringlicher Härte niedergeschrieben, dass man Gänsehaut bekommt und es ungemütlich wird. (Ziehen Sie sich warm an) Oksanen, mutet dem Leser diese Brutalität zu, auch, wenn sie dabei, dann doch nicht bis zum Letzten geht, den Leser in die eigene Vorstellung entlässt. Eine polizeiliche Einvernahme von Aliide, die verdächtigt wird, zu wissen, wo Hans Pekk ist, die vorgenommen wird, wird auf menschenverachtende Art und Weise behandelt, und so tief gehen sollte, was sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen sollte...

Eine Traumaverarbeitung, einer mittlerweile alten Frau, die am Waldrand lebt, und Marmelade und Gemüse einkocht. Die, aus Liebe, ja sogar einer Art Abhängigkeit, einen Mann beschützt, dadurch ihr Leben riskiert und gleichzeitig mit mit ihrem Mann Martin verheiratet ist und zusammenlebt, ohne dass er davon weiss, dass sie Hans in einen Versteck in ihrem Haus versteckt. Vielleicht, ist dieses Buch ja ein Frauenbuch, dass die Brutalität der Männer, durch seinen politischen Hintergrund darstellen will. Es ist aber auch ein politischer Roman, der aufzeigt, wie politische Hintergründe bis in Einzelschicksale hineinwirkt, der davon erzählt, wo dieses Land in jenen Jahren stand, das sowohl von Russen als auch Deutschen besetzt wurde. Den weiblichen Widerstand, in all seinen Formen, aber auch die Selbstbehauptung gegenüber dem zerstörerischen Männlichen. Eine aufrüttelnde und bis zur Schmerzgrenze spannende Story, um die Standhaftigkeit einer Frau, in den vor allem vierziger Jahren, die sich nicht brechen lassen will. Es erzählt, wie die Brutalität der Männer, Frauen verändert, welche Spuren, Folgen, innere Konsequenzen und Narben es hinterlässt. Es erzählt von gebrochenen Menschen. Es zeigt sogar, im Laufe der Geschichte, die brutale Seite von Aliide auf...zu der sie vielleicht erst geworden ist..

Eine Lebensbeschreibung, die zeigt, was sie alles opfert, gibt, wie sie hofft und bangt und mit welchen Schicksalsschlägen und Enttäuschungen, sie zu kämpfen hat. Ein Erzählstil, wo die tieferen Zusammenhänge, erst nach und nach langsam an die Oberläche kommen. Eine Autorin, die einen Blick für das Detail hat, was ich sehr, mochte an diesem Roman. Eine Geschichte, die unglaublich viele Schichten und Dimensionen hat. Ein überaus lesenswerter Roman, nichts für zartbeseitete Menschen, der mehr als nur unter die Haut geht, und den Leser mit einer Heftigkeit aufsucht, wie man sie selten so stark auffindet, ein Roman, der einen nicht mehr so schnell los lässt, weil er so packend erlebt wird. Eine Geschichte über Gewalt, Opfer, Schuld und innere Abgründe, angesichts zweier verschiedener Frauengenerationen. Und, auch, wenn es weh tut, zu lesen, so etwas, habe ich schon lange nicht mehr gelesen, so etwas Durch und Durch Aufrüttelndes, wie dieser neue Roman von Sofi Oksanen, der eindringlicher aber auch aufwühlender nicht sein könnte...und dessen Wirkung weit über das Gelesene hinausgeht...ein starkes Buch.
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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Mein Hörbuch des Jahres 24. Oktober 2010
Von Dr. Ursula Kempf TOP 100 REZENSENT
Format:Audio CD
"Fegefeuer" erzählt die Geschichte Estlands, dem nördlichsten Land des Baltikum, angrenzend an Lettland, Russland und die Ostsee, anhand des Schicksals zweier Frauen. Die beiden Frauen begegnen sich vermeintlich zufällig. Die eine, Aliide Tru, ist eine alte Frau, Bäuerin auf einem einsamen Bauernhof, die andere, Zara Peck, jung und voller Angst auch der Flucht vor ihren Verfolgern. So unterschiedlich die beiden Frauen rein äußerlich scheinen, so ähnlich sind sie einander unter einen dicken Schicht aus Skepsis, Furcht und Abwehr. Während Zara versucht, das Vertrauen der alten Frau, die die Schwester ihrer eigenen Großmutter sein soll, zu gewinnen, fühlt sich Aliide durch den Eindringling bedroht. Schon allzu oft mußte sie Leib und Seele, Hab und Gut vor Eindringlingen schützen. Doch auch Zara kennt das Ausgeliefertsein und die Ohnmacht gegen einen überlegenen Gegner. Sie ist auch der Flucht vor den brutalen Zuhältern und Menschen-händlern, die ihr ein Leben im Westen versprachen und ihr doch nur Missbrauch, Schmerz und Todesangst bescherten.

In Rückblenden entsteht das immer schärfer werdende Bild einer Familientragödie, die fast fünfzig Jahre zuvor, als Estland von den Russen besetzt wurde, ihren Höhepunkt fand. Rivalität und Eifersucht, Scham, Schutzbedürftigkeit und vor allem Angst vor der Brutalität der Männer gegenüber den Frauen - das sind die Motive, die Aliide zu unvorstellbaren Entscheidungen zwangen. Sofi Oksanen gelang mit diesem Roman, der in mehr als 25 Ländern erscheint und gerade in den USA gefeiert wird, der große Wurf. Atemlos vor Spannung liest man über das Schicksal zweier Frauen, die ganz unterschiedliche und im Kern doch vergleichbare Erfahrungen machen: Egal welches politische System auch herrscht, Opfer sind immer die Frauen.

"Fegefeuer" ist mitreißend wie ein Krimi und so beklemmend wie ein Kammerspiel. Tief bewegend und bis zum körperlichen Unbehagen wird das Leid, das diese beiden Frauen erlebt haben spürbar durch die für mich perfekte Umsetzung dieses grandiosen Romans durch hervorragende Sprecher, allen voran Katharina Thalbach. Mit ihrer knarrenden und knarzenden tiefen Stimme interpretiert sie perfekt die alte Aliide Tru, die überschäumt von Menschenverachtung, Skepsis und Abwehr. Doch auch das Verletztliche eines zutiefst gedemütigten Opfers tritt in dieser einzigartigen Stimme zutage. Ekel, Panik und Wut werden geradezu körperlich spürbar. Anna Thalbach liest die Aliide in jungen Jahren und tut dies mit der ihr eigenen unschuldig und rein klingenden hellen Glockenstimme. Scheinbar fassungslos schildert sie die Demütigungen, die ihr und den Ihren angetan wurden. Niemals mehr vergessen werde ich Oksanens eindrucksvolle Schilderung einer Abspaltungsreaktion während der Folter im Keller des Gemeindehauses. Die Abspaltung ist eine wirksame kindliche psychische Abwehrreaktion, um die Seele vor unvorstellbaren Grausamkeiten zu schützen. Nahezu emotionslos trägt Anna Thalbach die von Oksanen poetisch gewählten Worte, um Unaussprechliches für den Hörer erfahrbar zu machen. Mir ist es beim Hören dieser Stelle heiß und kalt den Rücken runtergelaufen.

Doch auch Julia Nachtmann möchte ich an dieser Stelle lobend erwähnen, die den gehaltvollen Stimmen von Mutter und Tochter Thalbach eine eigene Note entgegen zu setzen weiß. Sie ist die Stimme von Zara, einer jungen Frau, die auf falsche Versprechungen reingefallen ist, selbst unvorstellbare männliche Brutalität und Demütigung erfahren hat, selbst kriminell geworden ist und sich nun in Lebensgefahr befindet. Nachtmanns Stimme findet den richtigen Ton für das Verderbliche und zugleich Unschuldige, das Gehetzte und Verängstigte und für das kindliche Vertrauen, das sie in die Begegnung mit der Schwester ihrer Großmutter setzt. Sehr, sehr gut.
Die männlichen Stimmen von Heikko Deutschmann und Thomas Thieme setzen einen deutlichen Kontrast und berichten von den historischen Tatsachen am Rande.

Die 33-jährige(!) finnische Autorin studierte Dramaturgie an der Theaterakademie in Helsinki und schaffte mit ihrem dritten Roman den literarischen Durchbruch. Monatelang statt "Fegefeuer" auf Platz 1 der finnischen Bestsellerlisten und wurde mit zahlreichen Preisen, wie dem Finlandia-Preis und dem Nordischen Literaturpreis ausgezeichnet. Sofi Oksanen ist mit "Fegefeuer" ein ganz, ganz großes Buch gelungen: ein historischer Roman über die jüngste Geschichte eines weitestgehend unbekannten Landes; ein Frauenroman nicht nur für Frauen, der das Weibliche überhöht, ohne es zu ideologisieren; ein atemberaubend spannender Kriminalroman; ein politischer Roman, der sich kritisch mit verschiedenen Ideologien auseinandersetzt; die Geschichte einer unerfüllten Liebe und nicht zuletzt eine sprachgewaltige, bildreiche und tief bewegende Familientragödie.
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