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Feder der Stille: Alzheimer - Der lange Abschied von meiner geliebten Frau
 
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Feder der Stille: Alzheimer - Der lange Abschied von meiner geliebten Frau [Taschenbuch]

Jean Witt , Hanna van Laak


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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Authentischer Bericht, was Alzheimer für eine Beziehung bedeuten kann.

Als bei seiner Frau Janine Alzheimer diagnostiziert wird, verarbeitet Jean Witt die von der Persönlichkeitsveränderung begleitete Krankheit, indem er gegen die sich langsam ausbreitende Stille anschreibt. Ein berührendes Alzheimer-Memoir, ohne Pathos und Rührseligkeit: Nachdenklich, manchmal humorvoll und vor allem authentisch stellt er den Mensch und nicht die Krankheit in den Mittelpunkt.

Traurig aktuelles Thema aufgrund einer Million Alzheimer-Erkrankungen in Deutschland.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vom Tagebuch zum Buch

Seit mehr als zehn Jahren, seitdem sie an Alzheimer erkrankt ist, schreibe ich an Janine. Sie hat die beiden ersten Briefe gelesen und dann damit aufgehört. Nicht aus Unfähigkeit zu lesen, sondern weil sie den Sinn meiner Worte nicht verstehen konnte, Sätze wie: »Das Schlimmste ist es, meine Tränen vor dir zu verbergen. Sie nützen dir nicht.« Ihre Krankheit hinderte sie daran zu begreifen, dass eben sie die Ursache für meine Traurigkeit war. Und wenn sie es in einem lichten Augenblick begriffen hätte, dann hätte es sie zu sehr geschmerzt.
Janine wird also meine Briefe nie lesen, denn zur Unfähigkeit, ihren Sinn zu verstehen, kam mit der Zeit noch die Unfähigkeit zu lesen hinzu. Dennoch habe ich fast jeden Tag oder besser jeden Abend, wenn sie schlief, weitergeschrieben. »Sprich mit mir«, sagte sie oft zu mir, als sie sich noch normal ausdrücken konnte. So wandte ich mich auch weiterhin in der zweiten Person an sie. Wenn ich über sie anstatt an sie geschrieben hätte, dann wäre es mir so vorgekommen, als wäre sie in meinen Augen bereits tot gewesen, als hätte ich dann aufgehört, sie zu lieben.
Aus meinem Tagebuch mit Briefen an eine Alzheimerkranke ist dieses Buch entstanden. Janine, meine Frau, wird es nie lesen. Der Leser aber kann es lesen. So verwandelt sich der unerbittliche Verlust, den diese Krankheit nach sich zieht, in ein Geschenk. Die Unschuld, die Janine nun umgibt, erlaubt es mir, meine heimatlose Liebe zu teilen.
Doch Janine ist nicht nur der Adressat meines Tagebuchs, ich lasse sie darin auch zu Wort kommen. Wir haben viel miteinander kommuniziert, zumindest solange sie noch klar sprechen konnte, was mehrere Jahre lang noch möglich war. Diese Dialoge, die ich im Lauf der Zeit auf Zetteln notierte, habe ich in meinem Tagebuch festgehalten. Heute hat sich unser Dialog verändert, Janines »Alzheimersprache« ist mit Ausnahme einiger Wörter und sehr kurzer Sätze unverständlich geworden. Doch ihr Gesichtsausdruck ist noch immer beredt.
»Wenn du wüsstest, wie traurig ich bin! Wenn du mich von innen sehen könntest, dann würdest du mich sehen«, sagte sie am Anfang zu mir. So habe ich ihr zugehört, um sie von innen zu sehen, also um sie wirklich zu sehen und um zu verstehen, wie sie sich sah und wie sie empfand. Wie kann man den anderen sehen, ohne ihn zu hören? Ich bin der Chronist der Worte geworden, die aus ihrem in den Grundfesten erschütterten und verlorenen Innern kamen, in dem dennoch, trotz der Tragik der Situation, auch das Lachen seinen Platz hatte. Ihren Humor konnte ihr Alzheimer nicht austreiben, zumindest bis jetzt nicht.

Erschüttert und verloren war auch ich. Was würde aus unserer Liebe werden? Auf welchen unbekannten Weg und bis wohin würde Janines Krankheit uns führen? Hätte ich genug Kraft, um der Frau zu folgen, die meine Unterstützung so sehr brauchte?

Ich habe dieses Buch um sechs große Themen gruppiert, die mein Tagebuch durchziehen. Ich wende mich darin immer an Janine. Nie gibt es ein »sie« darin, immer das »du«. Wenn ich mich an den Leser wende, spreche ich über Janine. An die Stelle des »sie« tritt indes oftmals das »du«, dadurch rückt die Person näher, die Alzheimer unaufhörlich entfernt.

II

Erschütterung

Irgendjemand - ich weiß nicht, wer - hat mich vollkommen aus der Bahn geworfen

Kummer und Tränen

Das Schlimmste ist es, meine Tränen vor dir zu verbergen

24. November 1994
Das Schlimmste, mein Liebling, ist, meine Tränen vor dir zu verbergen. Das Schlimmste ist, nicht einmal einen Seufzer auszustoßen, denn dann würdest du mich fragen, was ich habe.
Ich werde dir nicht einmal meine Zärtlichkeit zeigen, denn sie beunruhigt und regt dich auf, weil du mich als einen Fremden wahrnimmst.
»Ich mag es«, hast du zu mir gesagt, »dass du ein sanftes Gesicht hast.« Ich werde dir also weder meine Tränen noch die Bürde zeigen, die auf mir lastet, noch meine Zärtlichkeit. Natürlich wäre das für mich eine Erleichterung. Dir aber würde ich damit Gewalt antun. Ich werde dir also meine Sanftheit zeigen. Woher soll ich die Kraft dazu nehmen?

Wie zu dir durchdringen?
1. Dezember 1994
Wie zu dir durchdringen? Ich suche deinen Blick, aber er ist abwesend, in ich weiß nicht welchen Abgrund versunken. Ich schreibe, aber wirst du diese Zeilen jemals lesen?
Wie zu dir durchdringen? Dem zuhören, was du für deine Wahrheit hältst! Dir nicht widersprechen. Es ist zwecklos, dich mit Gewalt in die »Realität« zurückholen zu wollen, das verschlimmert nur deinen Zustand. Vielmehr dich loben, auch wenn du nur eine Crêpe oder ein Brötchen isst. Dir danken, wenn du mir hilfst, dass Bett im Wohnzimmer zu machen, während ich doch so gerne mit dir in unserem Schlafzimmer schlafen würde. »Mach es dir bequem, wo du am liebsten schlafen möchtest«, hast du mit so viel Zuvorkommenheit und Freundlichkeit zu mir gesagt.
Wie zu dir durchdringen? Indem ich meinen Standpunkt verlasse und der Frau zuhöre, die so sehr zu einer anderen geworden ist.
Ich höre dir zu, geliebte Fremde.
Wie schön dein Lächeln heute Nachmittag war, als wir Schubert hörten und die gleichen Empfindungen dabei teilten!

Ich sehe ohnmächtig dein Scheitern mit an

10. Dezember 1994
Ich muss lernen, dich richtig zu lieben. Heute erkennst du mich. Der Schleier ist zerrissen. Aber du wirst in deiner ganzen Schwäche sichtbar. Du hast keinen Appetit mehr. Wenn ich dich dränge und zu dir sage, dass ich sehe, wie deine Kräfte schwinden, antwortest du mir: »Man darf die Hoffnung nicht aufgeben.«
Ich sehe ohnmächtig dein Scheitern mit an. Deine Botschaft jedoch lautet, dass man sich nicht einmal im Scheitern der Hoffnungslosigkeit hingeben darf. Muss ich also bei dir stark bis in den Tod sein?
Ich habe mich gefragt, wer mir genügend Mut dazu verleihen wird. Du selbst also durch deine eigene Botschaft.
Meine Tränen helfen dir nicht. Du brauchst meine Stärke. Das also, meine Geliebte, heißt, dich richtig zu lieben.

Warum hast du mir so wehgetan?
12. Dezember 1994
Warum hast du mir so wehgetan? Und ich, ich bin wütend auf dich geworden. Ich war empört. Den ganzen Tag über habe ich dich umsorgt und mich nur, wenn es unumgänglich war, aus unserem Schlafzimmer entfernt, in dem du seit fünf Tagen im Bett liegst. Und am Abend wirfst du mich hinaus. Immerhin hast du mir »Gute Nacht« gesagt, dabei hast du mir die Hand gegeben und mich gesiezt.
Aber das hast nicht du selbst getan. Es war diese fremde Macht, diese Macht der Finsternis, die von dir Besitz ergriffen hat. Und welche Einsamkeit, welche Nacht umfängt dich jetzt dort oben in unserem Schlafzimmer?
Ich liebe dich, meine Janine, möchte ich dir zurufen. Es geht mir schlecht heute Abend. Ich möchte ganz einfach schreien.

Es gibt kein Licht hier

14. Dezember 1994
Du bist wieder im Licht, mein Liebling, auch wenn du noch immer nicht bei Kräften bist. Ich höre deine Fragen: »Wie kann das nur geschehen?« Ich empfange deine Hoffnungen, wenn du, während ich eine Abrechnung mache, zu mir sagst: »Wir werden uns etwas Gutes leisten.«
Zum Glück habe ich dich gestern Abend im Schlafzimmer umherwandern hören. Ich bin sofort hinaufgegangen. Du hast um Hilfe gefleht und immer wieder gerufen: »Bitte, Madame, es gibt kein Licht hier. Bitte, Madame, bitte, Madame.«
Du warst nicht erstaunt darüber, dass ich ins Zimmer trat und das Licht einschaltete. »Es ist schrecklich, im Dunkeln zu sein.« Du hast mir gedankt, und wir haben uns »gute Nacht« gewünscht. Als du am Morgen heruntergekommen bist, hast du mich gefragt, wer im Wohnzimmer geschlafen hat ...
Ich möchte dich mit grenzenloser Zärtlichkeit lieben. Ich werde jede Spur von Gewalt und Auflehnung in mir auslöschen. Und wenn du mir noch einmal die Hand reichen und mich siezen solltest, dann werde ich es...

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