Auch wer - wie ich - als nüchterner evangelischer Christ mit den schwärmerischen, bilderreichen, mystischen (und sicher aus heutiger Sicht völlig überspannten) Texten Hildegards von Bingen (12. Jahrhundert) nichts anfangen kann, wird sich mit Kritik an dieser Platte zurückhalten müssen, die nicht von ungefähr zum Bestseller im Mittelalter-Bereich geworden ist, unter anderem von der Zeitschrift "Gramophone" als Platte des Jahres 1983 auf dem Sektor Mittelalter und Renaissance ausgezeichnet wurde und nicht zuletzt den Anfang einer langen Serie von preisgekrönten Aufnahmen des mittlerweile berühmten Ensembles Gothic Voices einleitete. Auch die vor einigen Jahren hoch im Kurs stehende Hildegard-Euphorie um die Gesamteinspielung durch das Ensemble Sequentia auf Deutsche Harmonia Mundi wäre ohne diese Bahn brechende Gothic Voices-CD vermutlich nicht entstanden.
Die Schönheit der (allerdings recht kurzen) Aufnahme besteht in ihrer Einfachheit. Abwechselnd singen Solisten und kleine Gruppen von drei oder vier jeweils nur männliche oder nur weibliche Sänger(innen) entweder ganz ohne Begleitung oder nur von einer Drehleier (einmal auch von "reed drones" - was mag damit gemeint sein?) begleitet. Die wohl von Hildegard selbst so vorgesehenen Melismen werden voll ausgekostet, die Stücke langsam und meditativ, ohne jegliche Zurschaustellung der Aufführenden vorgetragen. Und als Solisten gibt es hier Namen wie Emma Kirkby, Emily van Evera, Margaret Philpot und - man höre und staune! - Andrew Parrott. Das alles veranlasste die Zeitschrift "Hifi News" wohl zu Recht von "high loveliness" zu sprechen. Was mich daran erinnert, dass das Beiheft ausschließlich in englischer Sprache verfasst ist (wiewohl Hildegards Texte natürlich auch in lateinischer Sprache abgedruckt sind).
Jeder Mittelalter-Fan sollte diese CD besitzen.