Warum das "Zoo plane" wohl "Zoo plane" heißt? Hunter S. Thompson gibt die Antwort zu Ende seines 500-Seiten-Wälzers, nahe des totalen Kreislaufkollaps, zu einem Zeitpunkt, wo bereits ein volles Jahr Wahlkampfberichterstattung hinter ihm liegt - ein Jahr voller böser Räusche und gemeiner politischer Intrigen. Und die Antwort fällt so verrückt aus, als hätte sie sich der gute Doktor aus den Fingern gesogen: Das Zoo Plane, eins von zwei offiziellen McGovern-Flugzeugen, bekam seinen Namen sinngemäß, weil es an Bord GENAUSO zuging. Zugekokste Reporter demolierten die Sitze, wildgewordene Furien verschütteten Hochprozentiges bei den Notausgängen, und der Pilot - liebevoll "Perfect Paul, the Virgin" genannt - wurde regelmäßig bis auf die Unterhosen entkleidet, während der Copilot mit Joint im Mundwinkel die Maschine flog. Diese Art von Einsicht ist es, die dieses Buch weit über jede Art der normativen journalistischen Phrasen- und Schlagzeilendrescherei erhebt; Thompsons Gonzo-Style geht über jeden vorgeschützten Objektivismus hinaus und macht vor allem eines klar, nämlich dass wir die Welt und den Wahlkampf der Demokraten von 1972 immer durch die Linse eines derangierten, abgespaceten, genialen Drogenfreaks betrachten. Thompson strebt nicht nach Statistiken, er schert sich nicht um unser Verlangen nach beinharten Fakten. Thompson greift absurde Kleinigkeiten aus dem gierigen Politiksumpf heraus, und er berichtet, als ginge es um seine einstige Abschlußklasse - egal, ob hochrangige Staatsdiener oder Quereinsteiger, hier kriegen sie alle ihr Fett weg, und nicht selten werden namhafte Größen der Präsidentschaftskandidatur als gierige Schweine, hinterhältige Hurensöhne oder abgehalfterte Bastarde tituliert. Wer sich hier nüchterne Zwischenbilanzen à la CNN erwartet, wird knallhart durch den Windkanal gedreht, bis ihm die eigne Vorstellungskraft wie das stille Auge eines Hurricanes erscheint - und rundherum dreht HST seine Bahnen. Wer hingegen scharf ist auf echten Gonzo-Journalismus (also auf jene Subgattung des New Journalism, die er bei Fear and Loathing in Las Vegas bereits stilistisch anstrebte, aber verfehlte, wie er selbst es ausdrückt), wer lechzt nach Anekdoten, wie die, wo Thompson mit Richard M. Nixon himself in der Limo über Football philosophiert, und wer den politischen Prozeß - gerade jetzt, anläßlich des radikalen Endspurts im Bush-gegen-Kerry-Holocaust - einmal von innen erleben und ausgeleuchtet sehen will, der sollte keinen Joint lang zögern und sich diese feine Lektüre zwischen zwei Wild Turkeys zu Gemüte führen. Hier sitzt das Herz des amerikanischen Traums, hier kann man den Puls des Niedergangs der Sechziger nicht nur spüren - nein, man kann ihn sogar messen, dank HSTs genial entrückter Aufzeichnungen. Das Kapitel Dezember übrigens - also jenes, wo vom Zoo Plane und von der gigantischen Niederlage McGoverns die Rede ist - wurde zu einem Großteil nicht geschrieben, sondern vom Tonband transkribiert. Ein Jahr im Herzen der dreckigsten Politik dieses Planetes hinterläßt eben seine Spuren. Wir können froh sein, dass Fear and Loathing on the Campaign Trail überhaupt einen Abschluß gefunden hat, angesichts der gesundheitlichen Probleme des Doktors. Mit der Niederlage McGoverns wurde nun auch schon das Ende vorweg genommen - aber mal im Ernst, wer den Ausgang der Präsidentschaftswahlen von 72 nicht im Vorhinein schon kannte, sollte vielleicht ohnehin die Finger von diesem Wälzer lassen. Hintergrundwissen wird vorausgesetzt, Abkürzungen werden nicht erklärt. HST eben. Nichts für verkiffte Schafwollpullover-Extremisten, die sich einen gnadenlosen Brüller wie Fear and Loathing in Las Vegas erwarten. Aber für alle, die wissen, dass Durchgeknalltsein nicht zwangsläufig den Untergang bedeutet, und man auch mit täglichen Exzessen eigentlich nur eins braucht, um eloquent durchs Leben zu kommen: den Mumm, es bis zum bitteren Ende durchzuziehen.