Entfremdung in der Famile. Vernachlässigung Heranwachsender. Mediale Verwahrlosung. Selbstaufgabe. Pure, das Dasein bestimmende Dekadenz. Porcupine Trees neuntes Studioalbum ist eine thematische Auseinandersetzung mit den Abgründen modernen Lebens. Eine bittere Gesellschaftsanalyse voller Hoffnungslosigkeit, Tragik und Düsternis. Der Soundtrack der Unterschicht - in rein thematischem Sinne, versteht sich.
Steven Wilson scheint den Glauben an die Menschheit endgültig verloren zu haben. Die Abrechnung mit den Fehlentwicklungen der Gesellschaft ist in textlicher Hinsicht die mit Abstand ambitionierteste und interessanteste Veröffentlichung der britischen Prog-Koryphäe und seiner Mitstreiter, denen Alex Lifeson von Rush und Robert Fripp von King Crimson unterstützend zur Seite stehen.
Bei "Fear of a blank planet" handelt es sich um ein klassisches Konzeptalbum. Wie gesehen, setzt sich das Werk intensiv mit einer bestimmten Problematik auseinander. In musikalischer Hinsicht sind die Übergänge mal mehr, mal weniger fließend und alles ordnet sich der deprimierenden Grundstimmung unter. Es dominiert eine bedrohungsschwangere Atmosphäre, die nach intensiver Beschäftigung geradezu schreit. Statt der vergleichsweise sanften Melancholie in Moll früherer Alben wird "Fear of a blank planet" durch ein bitterkaltes, fast schon schroffes und beängstigendes Flair beherrscht. Man beginnt phasenweise unweigerlich zu frösteln. Inhalt und Atmosphäre gehen damit eine nahezu perfekte Symbiose ein. Wer bei einem Album gerne in die Tiefe geht, wird die ausgiebigen Kopfhörersessions mit Booklet in der Hand kaum noch erwarten können. Das Coverartwork transportiert die Stimmung übrigens sehr gut.
Anders als noch bei "Deadwing" fügen sich die härteren Passagen diesmal nahtlos ins Klangbild ein. Statt zum reinen Selbszweck existierend, wie das beispielsweise noch bei "Arriving somewhere but not here" der Fall war, wirken sie hier zur jeder Zeit songdienlich und sorgen nicht selten dafür, dass man von der nervenzerrenden Spannung erlöst wird, wie etwa im pulsierenden 18-minütigen Schwergewicht "Anesthetize, wo sie teilweise mit eine Urgewalt röhren, dass einem angst und bange werden kann. Besagtes Lied ist thematisch und musikalisch das Kernstück des Albums und zugleich eine Reminiszenz an die eigene Musik. Eine die Grenze des Erträglichen austestende Spannung, die immer wieder in grandiosen Refrains kulminiert, welche durch Wilsons weltentrückten Gesang der ohnehin eindringlichen Atmosphäre das I-Tüpfelchen aufsetzen. In "Anesthetize" finden alle Markenzeichen der Band ihren Niederschlag, so dass die anderen Songs fast schon wie Beiwerk wirken. Doch wer einmal "Sentimental" gehört hat, will vorläufig keine andere Ballade mehr hören. Ähnlich verhält es sich mit dem übrigen Material. Jedes Lied hat seine Existenzberechtigung. Nichts wirkt deplatziert oder wie ein Lückenfüller. Alle Songs strotzen vor Selbstbewusstsein. So war es schon immer bei Porcupine Tree. Man merkt einfach: diese Band hat trotz inzwischen über 20jährigen Bestehens noch viel zu sagen.
Leider fehlt "Fear of a blank planet" ein einprägsames Grundthema, das man sofort im Gedächtnis behält und ständig mit dem Album assoziiert, worunter der Wiedererkennungswert ein wenig leidet. Dennoch vergeht die Zeit wie im Fluge. Die Repeattaste leiert aus. Man kann sich einfach nicht satthören.
"Fear of a blank planet" ist die logische Fortsetzung der Entwicklungsgeschichte dieser Band, doch zugleich eine Rückbesinnung auf alte Traditionen. Es ist einerseits so psychedelisch und floydig wie einst "Up the downstair" (1993), andererseits frisch, unverbraucht und modern, wie man das von den Tools, Nine Inch Nails, Radioheads und Porcupine Trees dieser Welt eben erwartet.
Mit "Fear of the blank planet" können Porcupine Tree souverän ihre Ausnahmestellung als unangefochtene Speerspitze des New Art-Rock untermauern. Inhaltlich ambitioniert, atmosphärisch und musikalisch auf allerhöchstem Niveau.
"Fear of a blank planet" ist ein starkes, reifes, kontroverses und nachwirkendes Album geworden. An die genreübergreifende Genialität eines "In Absentia" reicht es jedoch nicht herran, was mangels Vergleichbarkeit aber nicht weiter tragisch ist. Spätestens mit diesem Album wird auch der letzte anerkennen müssen, dass Porcupine Tree die derzeit innovativste und einfach beste Band des gesamten Prog-Genres und darüber hinaus sind.