Endlich darf Fayzal der Krebsfänger mit seinem Schlachtruf "hay, hay, hay" die Kinderherzen (und die der Erwachsenen) erobern.
"Krebserkrankung bei Kindern, ein schwieriges Thema hat die Autorin mit ihrem Debüt da aufgegriffen", bekommt man überall zu hören. Aber doch nur deshalb "schwierig", weil wir Erwachsenen so unbeholfen damit umgehen können, oder?
Kinder stellen sich der Realität meist mutiger, entschlossener und auch pragmatischer, als wir Erwachsenen das wahrhaben (wollen?). Für sie ist der Kampf mit der Krankheit IHR ALLTAG und sie möchten trotzdem - oder gerade erst recht - Kind sein dürfen: mit Lachen und Weinen, Fantasie und Spaß, mit allem Drum und Dran. Sprechen wir ihnen dieses Recht nicht auch noch ab, die Krankheit hat ihnen schon genug genommen, mahnt Nadia Doukali.
Doch nun zur Geschichte: Der alles überstrahlende, mal sanftmütige, mal polterige Fayzal mit den wärmsten braunen Augen der Welt sammelt Krebse ein; Krebse, die sich in den Zimmern der Kinder eingenistet haben und dort ihr Unwesen treiben - so auch bei dem kleinen, nur noch frierenden, mutlosen Fay. Er lockt sie mit seiner Rassel aus allen Ecken und Verstecken hervor, lässt sie in seiner Umhängetasche verschwinden und schenkt Fay damit die Wärme der Sonne und die Freude wieder.
Fay bettelt richtig, Fayzal auf seiner Krebsfängertour als kleiner Gehilfe begleiten zu dürfen. Doch erst muss die Zustimmung von SoLun, der Wächterin des Schlafwachlandes, eingeholt werden. Eine Abenteuerreise durch fantasievolle Landschaften mit märchenhaften Gestalten beginnt.
Die große SoLun erteilt unter einer Bedingung die Erlaubnis und Fay darf mit. Auf dieser spektakulären Reise verändert sich Fay - er wird Schritt für Schritt stärker, mutiger, selbstbewusster und traut sich schließlich, den dummen Viechern die Stirn zu bieten. Bei jedem Kind, in jedem der Zimmer stellen die Krebse andere Dummheiten an und in einem haben sie sogar die Herrschaft übernommen ...
Nadia Doukali führt uns in dem ihr ganz eigenen Tempo durch die spannende Geschichte: mal ganz behaglich, plötzlich so rasant, dass einem fast der Atem stockt, dann wieder gemächlich zum Luftholen, um darauf aber gleich wieder Anlauf für das nächste "Looping" zu nehmen und schließlich die Geschichte ganz sanft und sachte ausklingen zu lassen. Es fühlt sich an wie Achterbahn fahren - und Kinder lieben Achterbahnen!
Genauso ist die Sprache: lebhaft ausdrucksvoll, spritzig, neckend, voller Humor, dann wieder zart und einfühlsam, sie kommt in traurigen Passagen ganz ohne Melodramatik aus und erzielt trotzdem - nein, gerade deshalb - eine Wahnsinnswirkung. Und nicht nur die Wortwiederholungen, die sich wie ein roter Faden durch den Text schlängeln, vermitteln einen Hauch von Geschichtenerzählern auf dem Marktplatz von Marrakesch, der Geburtsstadt der Autorin. Die Bilder der Geschichte nimmt man so richtig mit allen Sinnen wahr, man kann sie förmlich sehen und riechen, schmecken, hören und fühlen.
Doch es wäre nicht Nadia Doukali, wenn ihr überschäumendes Temperament nicht ab und zu mit ihr durchgehen würde: Mit Präzision platziert sie so manch einen klitzekleinen "sprachlichen Stolperstein", der sicher hie und da bei Erwachsenen eine hochgezogene Augenbraue oder ein Stirnrunzeln bewirkt; doch ich könnte wetten - Kinder erklären sie zu ihren Lieblingsstellen, amüsieren sich köstlich und können herzhaft drüber lachen.
Aber - lesen Sie selbst, jedoch nicht nur einmal! Erst beim zweiten und dritten Mal treten anfänglich verborgene Schätze zutage, wie bei einer richtig guten Geschichte eben.
Die feinsinnigen, liebevollen Zeichnungen der Katharina Kelting machen das Buch zu einem wahren Kleinod. Und noch ein "Hut ab": So mutig und ungezwungen, wie Kinder im Vergleich zu manchen Erwachsenen mit ihrer Krankheit umgehen, so mutig und ungezwungen hat sich dieser junge Verlag der "schwierigen" Geschichte Nadia Doukalis angenommen.