Mit dem Buch "Favoritin zweier Herren" präsentiert uns Walter Laufenberg im Gewande eines historischen Romans eine Auseinandersetzung mit der religiösen Bemäntelung von Raub, Eroberung und Mord. Heute denken wir bei Mord in religiösem Kontext vor allem an die brutalen Bombenanschläge, mit denen sich islamische Fanatiker(innen) selbst in die Luft jagen, um anderen, friedlichen Menschen zu schaden und Leid unter ihnen zu verbreiten. Aber im sich selbst so christlich gebenden Abendland (einschließlich der "neuen" Welt jenseits des großen Teiches) ist man noch heute relativ blind nicht nur dafür, aus welcher Not und Verzweiflung heraus solche barbarischen Attentate vielfach begangen werden, sondern auch dafür, wer den Muslimen als Anhängern einer ursprünglich recht toleranten Religion diese Brutalität überhaupt erst beigebracht hat. Laufenberg hält mit seinem Roman, in dem es hauptsächlich um die Geschichte des Malteserordens und der Kreuzzüge geht, der katholischen Kirche, die sich so gerne als DIE moralische Instanz des Abendlandes ansieht, unbarmherzig den Spiegel vor. Er lässt seine Protagonisten beim Rekapitulieren der Geschichte der Kreuzzüge mit Erschaudern erkennen, dass eigentlich ihr eigener Orden es war, der mit der Behauptung, die Pilgerwege ins "heilige" Land schützen zu müssen, eine unwahrscheinliche Brutalität in den ursprünglich relativ friedlichen Kontakt zwischen Christen und Moslems in Palästina hineingetragen hat, und dass der religiöse Vorwand bei den von der katholischen Kirche angezettelten Kreuzzügen (im Kreuzzug von 1204 wurde sogar das damalige CHRISTLICHE Konstantinopel verwüstet!) lediglich der Bemäntelung purer Eroberungsgier diente, unter deren Folgen heute nun wir selbst zu leiden haben.
Titelgestalt des Romans ist eine in den Harem des türkischen Sultans verschleppte junge Französin (der Autor gibt ihr mit "Eylem", was soviel wie 'Aktion', 'Handlung', 'Tat', aber auch 'Verb' bedeutet, einen modernen türkischen Namen, den es im 18. Jahrhundert noch gar nicht gegeben hat), die nach einer Kaperung der Sultansgaleone von Maltesern nach Valetta gebracht wird und dort erst Sklavin, dann Gesellschafterin und schließlich Geliebte des Großmeisters des Malterordens wird, der damals zugleich Staatsoberhaupt von Malta war. Ihr "Herr" schätzt sie nicht nur als Bettgefährtin, sondern auch wegen ihrer Klugheit und Bildung. In langen Abendunterhaltungen, beinahe in der Art der Geschichten aus 1001 Nacht, erzählen sich die beiden gegenseitig die Historie des Malteserordens einerseits und des Lebens im Harem des Sultans andererseits. Für den Großmeister teils tröstlich, teils aber auch eine menschliche und intellektuelle Herausforderung, weil seine kluge Partnerin viele unangenehme Wahrheiten über die Eroberungspraxis und die dahinterstehende religiös bemäntelte Ideologie der Malteser aus ihm herauskitzelt.
Am Ende des Romans wird Malta von Napoleon erobert und der Orden von der Insel vertrieben. Was aus den beiden Hauptfiguren wird, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Nur so viel: Es bleibt spannend bis zum Ende - typisch Laufenberg.
Der größte Gewinn beim Lesen des Buches ist freilich nicht die Spannung über das individuelle Schicksal der jungen Französin und ihres großmeisterlichen Herrn und Geliebten (auch an erotischer Spannung fehlt es in dieser Konstellation natürlich nicht), sondern vor allem das zutiefst humanistische Anliegen Laufenbergs, das in vielen Details der Konversation zwischen Eylem und dem Großmeister zutage tritt.
Unser Fazit: HÖCHST lesenswert!!!
Ina und Armin Bassarak