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Faustinas Küsse: Roman
 
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Faustinas Küsse: Roman [Taschenbuch]

Hanns-Josef Ortheil
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (1. Januar 2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442724767
  • ISBN-13: 978-3442724765
  • Größe und/oder Gewicht: 18,7 x 11,9 x 2,5 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 2.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (15 Kundenrezensionen)
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Hanns-Josef Ortheil
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

In der zerstückelten Welt

Hanns-Josef Ortheils Roman «Faustinas Küsse»

Etwas geheimnisvoll Unpersönliches geht von dem Mann aus, der sich am frühen Abend des 29. Oktober 1786 auf der römischen Piazza del Popolo aufspielt wie Pulcinella, wenn diese in einer commedia dell'arte die Bühne betritt. Soeben an der Stadtgrenze einer Reisekutsche entstiegen, pirouettiert «dieser stattlich gewachsene Mann in weitem Überrock» hutschwenkend «in grosser Aktion» vor den Wachsoldaten – so, als hätten die Hüter des von Pius VI. gesteuerten Kirchenstaates nur auf ihn gewartet. Kein Zweifel, dem emphatischen Fremden mangelt es nicht an Selbstvertrauen. Ja er scheint zu jener Spezies von Selbstdarstellern zu gehören, die überall ankommen, um etwas zu erobern, von dem sie insgeheim meinen, dass es ihnen längst gehörte.

Ein Getriebener

Schon diese Entrada von Hanns-Josef Ortheils neuem Roman «Faustinas Küsse» ist ein szenisches Meisterstück, das auf höchst raffinierte Weise sehr bald um die psychologische Dimension erweitert wird. Denn da sitzt, fetttriefende Spaghetti schmatzend, ein Archetyp von italienischem Lazzarone an der Piazza, dem der Ankömmling ebenso anziehend wie verdächtig vorkommt. Nicht oberflächlich verdächtig wohlgemerkt. Italiener entwickeln bekanntlich und glücklicherweise keine spontanen Ausgrenzungsphobien, wie sie nördlich des Brenners die Regel sind. Nein, dieser kleine Tagedieb Giovanni Beri folgt seiner Intuition, neugierig auf das eigenartige Gebaren des Zugereisten. Und er spürt Zögern und Unsicherheit hinter der theatralischen Attitüde des offensichtlich «hohen Herrn», der sich aufführt «wie ein Sohn, der nun heimkommt».

Allein die ersten Seiten dieses in seinem heiter-ironischen Parlando so wohltuend unzeitgemässen und undeutschen Buchs zeigen, wie viel dieser erstaunlicherweise deutsche Autor von der italienischen Mentalität verstanden hat. Wie tief er aber auch in die Lebens- und Schaffensproblematik des undurchsichtigen Reisenden eingedrungen ist, der ebenfalls aus Deutschland stammt, eigentlich Johann Wolfgang von Goethe heisst, sich aber inkognito in Rom als Filippo Miller, pittore, einführt.

Mit dem Spürsinn eines ausgebufften Picaro vermutet der römische Strizzi in dem angeblichen Maler «einen Advokaten, der in geheimer diplomatischer Mission unterwegs ist». Und da er gerade wieder einmal um eine Einnahmequelle verlegen ist, hofft er, den «Fremden in Geld verwandeln» zu können. Schliesslich ist Giovanni Beri Untertan seiner Heiligkeit Pius' VI., der schon 1775 zu Beginn seiner Amtszeit mit seinem Editto sopra gli Ebrei ein trauriges Zeugnis seiner Juden- und Fortschrittsfeindlichkeit geliefert hatte.

Überall die Infiltration der aufklärerischen Tendenzen seines weltlichen Gegenspielers Kaiser Josephs II. witternd, hatte das Oberhaupt der katholischen Christenheit seinen geographischen Herrschaftsbereich mit einem aufwendigen Spitzelsystem durchzogen. Diesem dient sich der fixe kleine Römer an und bleibt – dank stattlicher päpstlicher Entlöhnung – von nun an dem vermeintlichen Künstler so lange auf den Fersen, bis er es schafft, sogar dessen Freundschaft zu gewinnen.

Ortheils Einfall, den aus Weimar geflohenen «Nord-Menschen» von einem sinnenfreudigen Südländer beschatten zu lassen, führt zu einem ebenso spannenden wie subtil kuriosen Handlungsgeflecht, an dem unvorgebildete Leser ebensolche Freude haben dürften wie mit Kenntnissen vorbelastete Goethe-Liebhaber. Denn es gelingt dem Autor, sein Wissen um Goethes Biographie und Psychologie in ein witziges, nachdenkenswertes Spiel zu verwandeln.

Skrupulös dessen Lebensgewohnheiten bis in alle Tagesabläufe durchschnüffelnd, vermag Giovanni dem neuen Mieter in Tischbeins Künstlerkolonie am Corso Nr. 18–20 zunächst wenig Originalität abzugewinnen. Wie jeder vulgäre Rom-Tourist «lief er anscheinend blind darauf los», besucht er Kirchen, Galerien und die antiken Gräberfelder, als «sei er sich selbst nicht im klaren darüber, was er suche». Ein Getriebener muss das sein, folgert der Schelm, einer, der auf der Flucht und auf der Suche zugleich ist. Und ein Ketzer dazu, der selbst im allerheiligsten Petersdom seine Begleiter mit Spöttereien erheitert.

Lange bevor Giovanni erfährt, dass es sich bei diesem Vielschwätzer, schlechten Zeichner und erotischen Asketen, dem es so völlig an «Lebensart» fehlt, um einen hohen Minister aus Weimar namens Goethe handelt, hat er mit dem rattenhaften Gespür des Mannes aus dem popolino das psychische Malaise des rätselhaften Fremden begriffen: Der war einer, der nirgendwo zu Hause sein konnte, der – wie wir sattsam wissen – nach seiner Heimkehr aus Italien sich am Frauenplan wieder wie im Exil «der Verzweiflung übergeben» fühlte. Hanns-Josef Ortheil gelingt der Kunstgriff, Goethes labilen Seelenzustand in Rom durchsichtig zu machen: Die Situation eines zwar genialen Individuums, das aber seit fast zehn Jahren schöpferisch nur Unbefriedigendes geleistet zu haben glaubte und mit seinen Gefühlen zu Frau von Stein in einer Sackgasse gelandet war.

Ortheil deutet das nur an, indem er den Lebenskünstler Giovanni vermuten lässt. Der gerät allerdings immer mehr in den Sog der undurchsichtigen Persönlichkeit, die ein Dichter sein soll und sich doch zunehmend wie eine Exzellenz spreizt, den «lebendigen Schönheiten» Roms abhold. Nicht nur den menschlichen, sondern auch denen der Natur – womit Goethes damalige Problematik ebenso dezent wie deutlich umrissen wird. Bekanntlich ganz aufs Plastische gerichtet, brauchte er lange Monate in Italien, um in dessen «mittägigem Clima» vom Wiedererkennen der Bilder abzulassen, nicht mehr «bemüht» zu sein, sondern «geniessend» die Wirklichkeit lebendiger «Natur» auf sich wirken zu lassen.

Plötzlich zeigt der «Ausgebrannte» nach seiner Rückkehr aus Neapel und Sizilien wieder einen gesunden Hang zur Sinnlichkeit, weil er endlich die Natur «wie ein erstausgesprochenes Wort Gottes» erkannt und den «Kreis seiner Vollkommenheit» bejahen gelernt hat. Doch Ortheil strapaziert die Originalworte Goethes hier nicht, begibt sich nicht in die Niederungen des deutschen historischen Romans. Vielmehr überlässt er es weiterhin dem zunehmend an sich selbst und seinem Bespitzelungsobjekt wachsenden Giovanni, Goethes römische Wandlung zu erahnen. Daran, dass sie eine Heilung zum Leben wird, beginnt der Beschatter in ungestümer Grossmut zu arbeiten. Denn inzwischen hat er voll lateinischer Hybris den «Werther» gelesen und dessen Autor als einen armen Kranken diagnostiziert, dem nur durch eine neue Lebensweise ein Neuanfang gelingen könne.

Fern der zerstückelten Welt

Tatsächlich hatte der thüringische Minister für Wege- und Wasserbau noch am 29. Dezember 1786 im Tagebuch von seiner «Dunkelheit» gesprochen und in der Folge aus seiner Enttäuschung über Rom kein Hehl gemacht. Seine geradezu phobische Abneigung gegen Tod und «Verfall» liess ihn bis nach Sizilien fliehen. Erst dort, fern der «zerstückten Welt» Roms, fühlte er sich gleich seiner neuen «Iphigenie», von einem Kosmos aus Licht getragen, wo «der Äther ohne Wolken duftend schwebt». So kehrte Goethe nach Rom zurück. Nicht mehr «aufgerieben und aufgezehrt» von ungestilltem Begehren zu irgendeiner Lotte oder jener Frau von Stein, bittet er seinen Weimarer Herzog darum, «ein neues Leben» anfangen zu können. Nun vermag Goethe mit allen Sinnen Rom zu geniessen.

Nicht nur intelligent, sondern klug dosierend, bringt Ortheil nun Giovanni wieder ins Spiel. Dem vergeht allerdings bald sein hedonistisches Lachen, nachdem der vormals so fade Nordmensch ihm ausgerechnet seine Geliebte Faustina abspenstig macht. Jetzt vereinsamt der römische Lebenskünstler zum Melancholiker und wird als solcher zum Werther. Wer weiss, welche länderübergreifende Suizid-Manie dieses nach Goethe «kleine Büchlein» jahrzehntelang auslöste, wird die Leichtigkeit, und erzählerische Eleganz bewundern, mit der Hanns-Josef Ortheil ein grosses Thema und einen grossen Menschen der Weltliteratur wiederbelebt hat. In einem Buch, das so überraschend frei ist von jener «kleinlichen deutschen Art», die, einst von Goethe beklagt, heute den gesamtgermanischen Muff der Nachwendezeit nicht nur literarisch wieder ausbrütet.

Ute Stempel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Dieses Buch ist wunderbar erzählt, dicht und geistreich. Hanns-Josef Ortheil hat ein Spiel inszeniert, um Freundschaft noch mehr als um Liebe kreisend, schön und in sich stimmig." (SZ über Faustinas Küsse)
"Mit Leichtigkeit und erzählerischer Eleganz hat Hanns-Josef Ortheil ein grosses Thema und einen grossen Menschen der Weltliteratur wiederbelebt." (Neue Zürcher Zeitung über Faustinas Küsse)

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2.0 von 5 Sternen Langes Warten auf Nichts, 12. Juni 2008
Rezension bezieht sich auf: Faustinas Küsse. (Taschenbuch)
Der deutsche Dichterfürst Goethe, bekannt für seine leidenschaftlichen und intensiv gelebten Liebschaften und ein römischer Lebenskünstler im Wettstreit um eine gemeinsame Geliebte - das klingt in der Buchbeschreibung durchaus verlockend und interessant.

Doch darauf wartet der Leser lange - und fast umsonst. Die Titelheldin Faustina taucht erst in der Buchmitte auf und erst auf den letzten hundert Seiten beginnt ihre - sehr geheime - Liebschaft mit Goethe.

Den Rest des Buches verschwendet der Autor mit langatmigen Erzählungen über die Hauptfigur Beri, die darauf wartet, dass Goethe endlich in Aktion tritt. Der Leser wartet mit, immer in der Hoffnung dass nun endlich etwas geschieht.

Doch hier sei gewarnt: es geschieht NICHTS. Lediglich Goethes ruheloses Herumstreifen in Rom, sein Ringen um Worte und seine fruchtlosen Zeichenversuche werden in aller Ausführlichkeit geschildert.

Wer ein Buch zum Einschlafen sucht: hier wird er fündig!

Warum ich trotzdem noch zwei Sterne gebe: die Figur Goethe wird für den Leser durchaus greifbar und auch der Einfluss seiner Italienreise für seine Werke deutlich.

Ein Lesevergnügen aber ist dieses Buch nicht!
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen Der gewisse Hauch von Garnichts, 15. Februar 2006
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Faustinas Küsse. (Taschenbuch)
Bei diesem Buch ist es leider äußerst problematisch die Intention des Autors zu erkennen. Was will Herr Ortheil für ein Buch schreiben? Einen Spionageroman, eine Liebesgeschichte oder etwa ein Historiendrama? Viele Genres werden in diesem Buch angerissen, jedoch wird keines richtig ausführlich behandelt.
Dadurch entsteht eine Athmosphäre, die durch ihre Langweile und Bedeutungslosigkeit besticht. Dass es bei diesem Buch um Goethe geht ist vermutlich nichts weiter als ein Verkaufsargument, die Person ist austauschbar.
Der Schreibstil ist hochklassig, aber unspektakulär. Der Leser wird in keinster Weise von der Wörtern mitgerissen. Fazit: Die Seiten, in denen wirklich etwas passiert, sind an einer Hand abzuzählen. Schade eigentlich, aus diesem Thema hätte man mehr machen können.
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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Der unbekannte Goethe, 21. November 2004
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Faustinas Küsse: Roman (Taschenbuch)
Goethe..., den glaubte ich doch ein bißchen zu kennen, jedenfalls hatte ich schon dies und das von ihm gelesen. Aber jetzt, in diesem Ortheil-Roman: präsentiert er sich von der ersten Seite an sehr privat (und doch nicht aus zu großer Nähe, nicht anschleimend, immer auch distanziert) als eine große, wunderbar enthusiatische Gestalt, als ein liebender, leidender und Rom mit allen Poren aufsaugender Mensch. Meine Güte, wie habe ich mich durch dieses Buch zurück gesehnt in die Ewige Stadt...Ein Meisterwerk, scheinbar historisch, in Wahrheit aber so aktuell wie alle sehr guten historischen Romane!!
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