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Faustinas Küsse
 
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Faustinas Küsse [Taschenbuch]

Hanns-Josef Ortheil
2.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (16 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

In der zerstückelten Welt

Hanns-Josef Ortheils Roman «Faustinas Küsse»

Etwas geheimnisvoll Unpersönliches geht von dem Mann aus, der sich am frühen Abend des 29. Oktober 1786 auf der römischen Piazza del Popolo aufspielt wie Pulcinella, wenn diese in einer commedia dell'arte die Bühne betritt. Soeben an der Stadtgrenze einer Reisekutsche entstiegen, pirouettiert «dieser stattlich gewachsene Mann in weitem Überrock» hutschwenkend «in grosser Aktion» vor den Wachsoldaten – so, als hätten die Hüter des von Pius VI. gesteuerten Kirchenstaates nur auf ihn gewartet. Kein Zweifel, dem emphatischen Fremden mangelt es nicht an Selbstvertrauen. Ja er scheint zu jener Spezies von Selbstdarstellern zu gehören, die überall ankommen, um etwas zu erobern, von dem sie insgeheim meinen, dass es ihnen längst gehörte.

Ein Getriebener

Schon diese Entrada von Hanns-Josef Ortheils neuem Roman «Faustinas Küsse» ist ein szenisches Meisterstück, das auf höchst raffinierte Weise sehr bald um die psychologische Dimension erweitert wird. Denn da sitzt, fetttriefende Spaghetti schmatzend, ein Archetyp von italienischem Lazzarone an der Piazza, dem der Ankömmling ebenso anziehend wie verdächtig vorkommt. Nicht oberflächlich verdächtig wohlgemerkt. Italiener entwickeln bekanntlich und glücklicherweise keine spontanen Ausgrenzungsphobien, wie sie nördlich des Brenners die Regel sind. Nein, dieser kleine Tagedieb Giovanni Beri folgt seiner Intuition, neugierig auf das eigenartige Gebaren des Zugereisten. Und er spürt Zögern und Unsicherheit hinter der theatralischen Attitüde des offensichtlich «hohen Herrn», der sich aufführt «wie ein Sohn, der nun heimkommt».

Allein die ersten Seiten dieses in seinem heiter-ironischen Parlando so wohltuend unzeitgemässen und undeutschen Buchs zeigen, wie viel dieser erstaunlicherweise deutsche Autor von der italienischen Mentalität verstanden hat. Wie tief er aber auch in die Lebens- und Schaffensproblematik des undurchsichtigen Reisenden eingedrungen ist, der ebenfalls aus Deutschland stammt, eigentlich Johann Wolfgang von Goethe heisst, sich aber inkognito in Rom als Filippo Miller, pittore, einführt.

Mit dem Spürsinn eines ausgebufften Picaro vermutet der römische Strizzi in dem angeblichen Maler «einen Advokaten, der in geheimer diplomatischer Mission unterwegs ist». Und da er gerade wieder einmal um eine Einnahmequelle verlegen ist, hofft er, den «Fremden in Geld verwandeln» zu können. Schliesslich ist Giovanni Beri Untertan seiner Heiligkeit Pius' VI., der schon 1775 zu Beginn seiner Amtszeit mit seinem Editto sopra gli Ebrei ein trauriges Zeugnis seiner Juden- und Fortschrittsfeindlichkeit geliefert hatte.

Überall die Infiltration der aufklärerischen Tendenzen seines weltlichen Gegenspielers Kaiser Josephs II. witternd, hatte das Oberhaupt der katholischen Christenheit seinen geographischen Herrschaftsbereich mit einem aufwendigen Spitzelsystem durchzogen. Diesem dient sich der fixe kleine Römer an und bleibt – dank stattlicher päpstlicher Entlöhnung – von nun an dem vermeintlichen Künstler so lange auf den Fersen, bis er es schafft, sogar dessen Freundschaft zu gewinnen.

Ortheils Einfall, den aus Weimar geflohenen «Nord-Menschen» von einem sinnenfreudigen Südländer beschatten zu lassen, führt zu einem ebenso spannenden wie subtil kuriosen Handlungsgeflecht, an dem unvorgebildete Leser ebensolche Freude haben dürften wie mit Kenntnissen vorbelastete Goethe-Liebhaber. Denn es gelingt dem Autor, sein Wissen um Goethes Biographie und Psychologie in ein witziges, nachdenkenswertes Spiel zu verwandeln.

Skrupulös dessen Lebensgewohnheiten bis in alle Tagesabläufe durchschnüffelnd, vermag Giovanni dem neuen Mieter in Tischbeins Künstlerkolonie am Corso Nr. 18–20 zunächst wenig Originalität abzugewinnen. Wie jeder vulgäre Rom-Tourist «lief er anscheinend blind darauf los», besucht er Kirchen, Galerien und die antiken Gräberfelder, als «sei er sich selbst nicht im klaren darüber, was er suche». Ein Getriebener muss das sein, folgert der Schelm, einer, der auf der Flucht und auf der Suche zugleich ist. Und ein Ketzer dazu, der selbst im allerheiligsten Petersdom seine Begleiter mit Spöttereien erheitert.

Lange bevor Giovanni erfährt, dass es sich bei diesem Vielschwätzer, schlechten Zeichner und erotischen Asketen, dem es so völlig an «Lebensart» fehlt, um einen hohen Minister aus Weimar namens Goethe handelt, hat er mit dem rattenhaften Gespür des Mannes aus dem popolino das psychische Malaise des rätselhaften Fremden begriffen: Der war einer, der nirgendwo zu Hause sein konnte, der – wie wir sattsam wissen – nach seiner Heimkehr aus Italien sich am Frauenplan wieder wie im Exil «der Verzweiflung übergeben» fühlte. Hanns-Josef Ortheil gelingt der Kunstgriff, Goethes labilen Seelenzustand in Rom durchsichtig zu machen: Die Situation eines zwar genialen Individuums, das aber seit fast zehn Jahren schöpferisch nur Unbefriedigendes geleistet zu haben glaubte und mit seinen Gefühlen zu Frau von Stein in einer Sackgasse gelandet war.

Ortheil deutet das nur an, indem er den Lebenskünstler Giovanni vermuten lässt. Der gerät allerdings immer mehr in den Sog der undurchsichtigen Persönlichkeit, die ein Dichter sein soll und sich doch zunehmend wie eine Exzellenz spreizt, den «lebendigen Schönheiten» Roms abhold. Nicht nur den menschlichen, sondern auch denen der Natur – womit Goethes damalige Problematik ebenso dezent wie deutlich umrissen wird. Bekanntlich ganz aufs Plastische gerichtet, brauchte er lange Monate in Italien, um in dessen «mittägigem Clima» vom Wiedererkennen der Bilder abzulassen, nicht mehr «bemüht» zu sein, sondern «geniessend» die Wirklichkeit lebendiger «Natur» auf sich wirken zu lassen.

Plötzlich zeigt der «Ausgebrannte» nach seiner Rückkehr aus Neapel und Sizilien wieder einen gesunden Hang zur Sinnlichkeit, weil er endlich die Natur «wie ein erstausgesprochenes Wort Gottes» erkannt und den «Kreis seiner Vollkommenheit» bejahen gelernt hat. Doch Ortheil strapaziert die Originalworte Goethes hier nicht, begibt sich nicht in die Niederungen des deutschen historischen Romans. Vielmehr überlässt er es weiterhin dem zunehmend an sich selbst und seinem Bespitzelungsobjekt wachsenden Giovanni, Goethes römische Wandlung zu erahnen. Daran, dass sie eine Heilung zum Leben wird, beginnt der Beschatter in ungestümer Grossmut zu arbeiten. Denn inzwischen hat er voll lateinischer Hybris den «Werther» gelesen und dessen Autor als einen armen Kranken diagnostiziert, dem nur durch eine neue Lebensweise ein Neuanfang gelingen könne.

Fern der zerstückelten Welt

Tatsächlich hatte der thüringische Minister für Wege- und Wasserbau noch am 29. Dezember 1786 im Tagebuch von seiner «Dunkelheit» gesprochen und in der Folge aus seiner Enttäuschung über Rom kein Hehl gemacht. Seine geradezu phobische Abneigung gegen Tod und «Verfall» liess ihn bis nach Sizilien fliehen. Erst dort, fern der «zerstückten Welt» Roms, fühlte er sich gleich seiner neuen «Iphigenie», von einem Kosmos aus Licht getragen, wo «der Äther ohne Wolken duftend schwebt». So kehrte Goethe nach Rom zurück. Nicht mehr «aufgerieben und aufgezehrt» von ungestilltem Begehren zu irgendeiner Lotte oder jener Frau von Stein, bittet er seinen Weimarer Herzog darum, «ein neues Leben» anfangen zu können. Nun vermag Goethe mit allen Sinnen Rom zu geniessen.

Nicht nur intelligent, sondern klug dosierend, bringt Ortheil nun Giovanni wieder ins Spiel. Dem vergeht allerdings bald sein hedonistisches Lachen, nachdem der vormals so fade Nordmensch ihm ausgerechnet seine Geliebte Faustina abspenstig macht. Jetzt vereinsamt der römische Lebenskünstler zum Melancholiker und wird als solcher zum Werther. Wer weiss, welche länderübergreifende Suizid-Manie dieses nach Goethe «kleine Büchlein» jahrzehntelang auslöste, wird die Leichtigkeit, und erzählerische Eleganz bewundern, mit der Hanns-Josef Ortheil ein grosses Thema und einen grossen Menschen der Weltliteratur wiederbelebt hat. In einem Buch, das so überraschend frei ist von jener «kleinlichen deutschen Art», die, einst von Goethe beklagt, heute den gesamtgermanischen Muff der Nachwendezeit nicht nur literarisch wieder ausbrütet.

Ute Stempel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Dieses Buch ist wunderbar erzählt, dicht und geistreich. Hanns-Josef Ortheil hat ein Spiel inszeniert, um Freundschaft noch mehr als um Liebe kreisend, schön und in sich stimmig." (SZ über Faustinas Küsse)
"Mit Leichtigkeit und erzählerischer Eleganz hat Hanns-Josef Ortheil ein grosses Thema und einen grossen Menschen der Weltliteratur wiederbelebt." (Neue Zürcher Zeitung über Faustinas Küsse)

Kurzbeschreibung

Der römische Herumtreiber Giovanni Beri tut sich gerade an einem Teller Makkaroni gütlich und träumt von seinem nächsten Glas Wein. Da fällt ihm ein Reisender auf. Der sonderbare Herr gestikuliert mitten auf der Piazza del Popolo, als hätte ganz Rom auf ihn gewartet. Wer ist dieser Mann, ein adeliger Spinner, ein Advokat oder gar ein Spion? Beri, der neben seinen Gelegenheitsarbeiten auch den Patres des Vatikans mit Informationen zu Diensten ist, beschließt, den merkwürdigen Fremden näher unter die Lupe zu nehmen. Doch bevor er sich's versieht, verliert Beri nicht nur den Überblick, sondern auch seine Geliebte Faustina, und zwar ausgerechnet an den Mann, den er observiert, den berühmtesten aller Italienreisenden: Goethe.

„Am 3. September 1786, morgens oder vielmehr nachts um drei, damit niemand die Abreise bemerkt, stiehlt sich Goethe in der Postchaise davon, nur einen Jagdranzen und Mantelsack als Gepäck“, so beschreibt Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biographie die heimliche Ausreise aus Weimar. Was hier so geheimnisvoll angedeutet ist, hat Hanns-Josef Ortheil zum Anlaß genommen, eine höchst amüsante Geschichte um den Besuch des Dichtervaters in der ewigen Stadt zu spinnen.

Klappentext

Goethe in Rom: Sucht er die Liebe, das Leben, den Kunstgenuß? Der junge Tunichtgut Giovanni Beri heftet sich an seine Versen und muß bald mit Schrecken feststellen, daß der geheimnisvolle Unbekannte ihm seine schöne Freundin Faustina ausspannen will... "Es ist ein Vergnügen, dieses Buch zu lesen. Es ist spannend, originell und intelligent, die Stunden vergehen wie im Fluge." Frankfurter Allgemeine Zeitung "Man kann nur die erzählerische Eleganz bewundern, mit der Hanns-Josef Ortheil ein großes Thema und einen großen Menschen der Weltliteratur wiederbelebt hat." Neue Zürcher Zeitung "Dieses Buch ist wunderbar erzählt. Hanns-Josef Ortheil hat ein Spiel inszeniert, um Freundschaft noch mehr als um Liebe kreisend, schön und in sich stimmig." Süddeutsche Zeitung

Umschlagtext

Der römische Herumtreiber Giovanni Beri tut sich gerade an einem Teller Makkaroni gütlich und träumt von seinem nächsten Glas Wein. Da fällt ihm ein Reisender auf. Der sonderbare Herr gestikuliert mitten auf der Piazza del Popolo, als hätte ganz Rom nur auf ihn gewartet. Wer ist dieser Mann, ein adeliger Spinner, ein Advokat oder gar ein Spion? Beri, der neben seinen Gelegenheitsarbeiten auch den Patres des Vatikans mit allerlei Informationen zu Diensten ist, beschließt, den merkwürdigen Fremden näher unter die Lupe zu nehmen. Doch bevor er sich's versieht, verliert Beri nicht nur den Überblick, sondern auch seine Geliebte Faustina, und zwar ausgerechnet an den Mann, den er observiert, den berühmtesten aller Italienreisenden: Goethe. »Am 3. September 1786, morgens oder vielmehr nachts um drei, damit niemand die Abreise bemerkt, stiehlt sich Goethe in der Postchaise davon, nur einen Jagdranzen und Mantelsack als Gepäck«, so beschreibt Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biographie die heimliche Ausreise aus Weimar. Was hier so geheimnisvoll angedeutet ist, hat Hanns-Josef Ortheil zum Anlaß genommen, eine höchst amüsante Geschichte um den Besuch des Dichtervaters in der ewigen Stadt zu spinnen.

Über den Autor

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Brandenburger Literaturpreis, dem Thomas-Mann-Preis, dem Georg-K.-Glaser Preis, dem Koblenzer Literaturpreis, dem Nicolas Born-Preis und jüngst dem Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.
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