Wer sich - gezwungenermaßen oder freiwillig - durch Faust I gearbeitet und durch Faust II gequält hat, dem sei diese Herz erfrischende Parodie an ebendieses gelegt.
Armer Dr. Faust! Er ist erst im "Vorhimmel" gelandet und wird zu seiner vollständigen Läuterung hart rangenommen: Bei strenger fleisch- und alkoholloser Diät muss er den "seligen Knaben" - von Mephisto zu unablässigem Schabernack angestiftet - als Lehrer "Faust II" erklären (er scheitert schon an der Interpretation des Homunculus, dessen Deutungen er sich "aus Kommentaren, wenigstens aus zehn" zusammengeschrieben hat). Das Ganze geschieht unter gestrenger Aufsicht des Lieschens, "das am Brunnentrog / Einst des Gespräches mit dem Gretchen pflog": Sie hat ein "vorhimmlisches Töchterpensionat" durchlaufen und ist daher qualifiziert, dem gebeutelten Faust als "Vollkommenheitsanbahnerin" bei seinem Aufstieg in den Himmel behilflich zu sein. Der muss jetzt noch einmal zurück zu den "Müttern", bei Goethe mysteriöse Göttinnen jenseits von Raum und Zeit, umschwebt von den Urbildern aller Dinge, hier ein fideles Damenkränzchen, das Zichorienkaffee trinkt. Doch da Faust ein "Hasenfuß" ist, wird ihm Gretchens Bruder Valentin - ein schlichtes Gemüt, aber tat- und schlagkräftig - an die Seite gestellt.
Auch mit Helena wird Faust noch einmal konfrontiert. Bei Goethe noch Inbegriff klassischer Schönheit, zeigt sie sich hier nur noch als klassische Langweilerin, mit der Faust folglich nichts mehr zu tun haben will: Sie wirbt um ihn, indem sie ihm erklärt, was "Interpretentiefsinn" bezüglich ihrer Bedeutung für Faust entdeckt hat! Dann zitiert sie Euphorion - ihrer "raschen Hochzeit rasche Frucht" - herbei; der erscheint natürlich hüpfenderweise: Eine nervtötende Gummipuppe, die Valentin sich kurzerhand packt und kräftig verdrischt.
Bei soviel Derbheit kommt selbstredend auch das Studentische nicht zu kurz - allerdings wird es hier, mit komischem Effekt, von Auerbachs Keller in den Himmel verlegt: Die bei Goethe hochsymbolischen drei Patres (Ecstaticus, Seraphicus und Profundus) werden hier zu lüsternen, trinkfesten Korpsstudenten, die Faust zu Ehren einen "Salamander reiben" und anderes mehr veranstalten - wie Faust selbst überhaupt erst durch das Bestehen burschenschaftlicher Sanges- und Saufrituale der Aufstieg in den Himmel winkt.
Klamauk? Vielleicht. Aber mit literaturkritischem Hintergrund. Glaubt man nämlich dem Nachwort des Herausgebers Fritz Martini, so hat Vischer diese Parodie nicht bloß aus Jux und Dollerei geschrieben, sondern aus heiligem Zorn darüber, dass Faust II als Alterswerk Goethes in seiner Qualität so stark gegenüber dem Jugendwerk Faust I abfällt; Vischer hielt die meisten Einfälle Goethes in Faust II schlichtweg für absurd und lächerlich, "eine Reihe lederner, abstruser Allegorien". Und diese "senilen Sprachschnörkel" des Goethe'schen Altersstils werden hier vollends ad absurdum geführt.
Der langen Rede kurzer Sinn: Lesen!
Übrigens: Schon wegen der Tragödie drittem Teil lohnt es sich, den zweiten zu lesen (und ohne das Original versteht man die Parodie sowieso nicht). Also: Erst die Arbeit - dann das Vergnügen!