Die Erstausgabe von Lenaus "Faust" erschien 1834, also nur zwei Jahre nachdem Goethes "Faust II" publik wurde. Lenau begann seine Arbeit zu diesem Teil bereits 1833 und wollte sich bewusst einem Vergleich mit Goethe aussetzen, da Faust "ein Allgemeingut der Menschheit [ist], kein Monopol Goethes" (Lenau).
Lenau misst sich hier mit einem Werk, dass an Größe seinesgleichen sucht. Doch eben durch diese Tatsache wird sein "Faust" einzigartig und besticht durch einfache Schlichtheit.
So gibt es zwar auch Nebencharaktere, aber diese dienen der Handlung und tanzen nicht wie bei Goethe über etliche Seiten herum und sagen nur ihre vier Verse auf. Lenaus Handlung ist in sich geschlossener. Am Anfang wird auf das Ende verwiesen und es tauchen alte Figuren oder Ereignisse in der Gegenwart wieder auf, so schwängert Faust eine Frau, die später mit ihrem Kind um Geld bettelt, was ihn tief berührt.
Faust selbst ist auch keine Figur, die den Weltschmerz einer ganzen Generation in sich trägt und nach der großen Erleuchtung sucht, sondern eine einfache Person, die nach Wahrheit strebt. In ihr verkörpert sich ein kleiner Konflikt, kein allumfassender, der die großen Fragen der Menschheit zu beantworten versucht. Dadurch gerät der Stoff bei Lenau auch nicht aus den Fugen.
Auch Mephistopheles hat einen anderen Charakter. Lenaus Figur hat einige Züge von Goethes, so zum Beispiel als er einem Minister unterrichtet, wie er über das Volk zu herrschen habe, während Faust im Schatten abgelegener Bäume ein Schandlied auf den König dichtet, das er ihm später auch noch vorsingen wird. Der Unterschied besteht aber darin, dass bei Lenau das Ende bis zum Schluss ungewiss bleibt. Weiß man bei Goethe etwa bereits im "Prolog im Himmel", dass Mephistopheles nur ein Diener Gottes ist, so ist dieser Geist bei Lenau frei. Beide Figuren leisten gleichermaßen ihre Arbeit; Goethe jedoch spricht Fausts Seele dem Himmel zu, womit der Teufel betrogen wird. Lenau findet dort eine andere Lösung. Faust sagt sich von allem los und flieht aufs Meer. Er trotzt dem Sturm und versucht in einer Schenke einen Seelenbruder zu finden, was ihm misslingt, sodass er sich am Ende dem Pakt entsagen will, indem er sich ersticht. Mephistopheles jedoch weiß, dass Faust der von ihm gesuchten Wahrheit und der Versöhnung mit Gott nie so weit entfernt war wie zu diesem Zeitpunkt und nimmt sich dessen Seele.
Von den Figuren, der Handlung und auch der Originalität und Übereinsprechung mit der ursprünglichen Sage ist Lenaus "Faust" sehr wohl Goethes überlegen. Stilistisch gesehen allerdings wirkt er sehr langatmig. Das liegt nicht zuletzt an der bereits 1834 viel angegriffenen "Zwitterform". Lenau betitelt sein Werk als "ein Gedicht". Somit ist die Dramenform außer Kraft gesetzt und wird durch eine manchmal lose Folge von Szenen ersetzt. Um die Dinge zu erzählen, die in der Zwischenzeit passieren, sind epische Passagen eingefügt. Manchmal dauern die Erzählungen mehrere Seiten an, was beim Lesen sehr ermüdend wirkt.
Es macht außerdem den Eindruck, dass Lenau das Metrum nicht durchhalten konnte. Der Großteil ist in fünfhebigen alterniedenden Versen geschrieben. Hin und wieder taucht ein Knittelvers auf, manchmal werden die Verse vier- oder dreihebig und an zwei Passagen werden Daktylen verwendet. Es fällt dem Leser so zwar leicht, sich in den Rhythmus einzulesen, da der meist gleich bleibt, aber dadurch wirken einzelne Stellen im Vier- oder Fünfhebigen so, als hätte Lenau hier keine rechte Lust mehr gehabt.
Im Großen und Ganzen ist das Werk eine willkommene Alternative zur Masse an Stoff, die Goethe gedichtet hat. Lenaus 'Faust' ist näher am Original und besticht eben dadurch. Die Probleme sind nachvollziehbarer, die Handlung überschaubarer und das ganze Werk wirkt in sich geschlossen. Verzeiht man kleine stilistische Ausrutscher, ergibt sich am Ende ein großartiges Bild von einem Faust, der durchaus berühmter hätte sein können, wäre er nicht zum falschen Zeitpunkt erschienen.