Was wurde nicht schon alles geschrieben und gesagt über Johann Wolfgang von Goethes großes Menschheitsdrama "Faust - Der Tragödie erster Teil" sowie "Faust - Der Tragödie zweiter Teil" - speziell über den ersten Teil?
Das größte Werk des größten deutschen Dichters, Johann Wolfgang von Goethe, soll es sein? Das bedeutendste der glanzvollen deutschen Literaturgeschichte gar? Eines der größten Werke der Weltliteratur, auf einer Stufe mit Dantes "Göttlicher Komödie" und Homers "Odysee/Ilias"?
Nun, über die Legitimität jener Thesen, jener Behauptungen, scheint es in Fachkreisen keinerlei Diskussion zu geben, gleich ob Literaturhistorik, Literaturwissenschaft oder Literaturkritik, der Bedeutung und der Qualität, der herausragenden Stellung des "Faust" scheint man sich überall gleichermaßen bewusst zu sein.
Goethes "Faust" ist ein Menschheitsdrama, es zeigt den gesamten Umfang der Schöpfung Gottes, zeigt das Weltgeschehen zwischen Himmel und Hölle in all seinen Facetten. Die zentrale Problematik des Protagonisten Faust ist dessen Leiden an der Begrenztheit, der Eingeschränktheit des menschlichen Daseins, des menschlichen Wesens im allgemeinen. Nicht Wissen will er, keine Intelligenz, sondern was er will, ist zu begreifen, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Er fordert gottgleiche Einsicht in die Totalität des irdischen Lebens, um die der Gattung Mensch auferlegten Grenzen zu überwinden. Es ist jener Titanismus, an dem Faust zu zerbrechen droht. Er flüchtet sich in Magie und Freitodgedanken, bleibt mit all seinen Versuchen und Experimenten allerdings erfolgslos, was ihn innerlich bereits für das Kommende, den Pakt mit dem Teufel, mit Mephistopheles, bereit macht.
Im "Faust" findet sich viel von Goethes Weltanschauung, seiner persönlichen Religion und Philosophie. So war Goethe stets darauf aus, übergeordnete Gesetzmäßigkeiten, eine höhere Ordnung, zu erkennen. Er fand diese nicht in der reinen Theorie, der wörtlichen Abstraktion, sondern vielmehr sah er als die fundamentalen "Triebräder" der Natur die Begriffe von Polarität und Steigerung. Er spricht von Polaritäten, Gegensätzlichkeiten und der Notwendigkeit eines solchen Dualismus, eines polaren Rythmus als Grundlage aller Existenz also, um Stillstand zu vermeiden. Er spricht von polaren Begriffspaaren wie Systole und Diastole, Tätigkeit und Ermattung, Tag und Nacht, Freud und Leid, Einatmen und Ausatmen, Schaffen und Vernichten, Leben und Tod, wobei das Universum der Diastole ebenso bedarf wie der Systole, der Tod so notwendig ist wie das Leben, um alles in Einklang zu halten, Stillstand zu vermeiden und "voranzuschreiten". Dies ist Goethes "Formel des Lebens": das Prinzip des fortwähreden Anziehens und Abstoßens als Grundlage der Existenz und als Grundlage des Aufteigens. Diese Prinzipien von Polarität und Steigerung durchwirken alles Sein. So zerfällt auch die Menschheit in zwei gegensätzliche Geschlechter, um sich weiterentwickeln zu können, und so müssen sich diese beiden Geschlechter, Mann und Frau, zunächst verbinden, um wiederum neues Leben entstehen zu lassen. Eben dies meint Goethe, wenn er sagt: "Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur."
Dies alles manifestiert sich vielfach im "Faust": die zentrale Polarität (siehe Wette und Pakt) zwischen Strebsamkeit und Ermattung, zwischen Tätigkeit und Zufriedenheit im Genuss, die Polarität zwischen göttlichem und mephistophelischen Weltprinzip, zwischen Mephisto als Vetreter des Nihilismus und Faust als Strebendem und nicht zuletzt im Wesen von Faust selbst, in seiner triebhaft-sinnlichen und seiner tätig-strebenden Seite. Personifiziert wird dieser Widerstreit, dieser Dualismus in den beiden Protagonisten, in Faust und Mephisto, als Kraft, als Antrieb also, und Gegenkraft.
Die zentrale Polarität zwischen Strebsamkeit und Ermattung/Zufrienheit verweist zudem auf die Privatreligion des alten Goethe, der als Folge fortwährender Tätigkeit einen Anspruch auf Unsterblichkeit für sich ableitet, denn "wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet mir eine andere Form des Daseins anzuweisen." Er meint: "Die Funktion des Lebens ist das Dasein, in Tätigkeit gedacht." Denn ohne Strebsamkeit und Tätigkeit als porale Gegensätze zu Ermattung und reine Zufriedenheit im Genuss ist "Steigerung" und "Fortschreiten" wiederum nicht möglich.
Die zentrale Frage ist also nicht: Gut oder Böse? Moralisch richtig oder verwerflich? Viel wichtiger als moralische Integrität sind für Goethe in gewissem Sinne, sind im "Faust" ohne Zweifel Werte wie Tätigkeit und Strebsamkeit - Goethe spricht hier auch von Entelechie.
Warum wird Faust in Teil 2 nach seinem Tode erlöst? Die Engel sagen es: weil er stets tätig, strebsam war. Durch sein rastloses Streben, seine fortwährende Aktivität erwirbt er den Anspruch auf eine "andere Form des Daseins". Ob sich Faust auch moralisch und ethisch weiterentwickelt hat und damit auch einer Erlösung im theologischen Sinne würdig ist, bleibt indes fraglich. Doch ist dies - wie schon erwähnt - hier eher nebensächlich.
Denn: "Der Mensch, er irrt solang er strebt." Moralisch falsches Handeln wird als Irrtum in Folge des viel höher zu bewertenden Strebens legitimiert.
So zeigt Goethe im "Faust" den Menschen in der Spannweite seiner Möglichkeiten am Exemplum des Gelehrten Faust, der sich eben daher, da er kein gewöhnlicher Mensch ist und da er sich stets am Äußersten des Menschseins bewegt, für ein solches Exempel bestens eignet.
"Faust" ist also ohne Zweifel eines der größten, bedeutendsten und einflussreichsten Werke in der Geschichte der Weltliteratur, das `Summa Summarum` des größten deutschen Dichters.
Die Frage "How good is Faust?" kann allerdings jeder nur für sich selbst beantworten. Den Mut sich dieser Frage überhaupt zu stellen, das Werk zu lesen also, sollte man jedoch auf jeden Fall aufbringen als Literaturinteressierter - insbesondere als "Dichter und Denker"!