Am Anfang herrscht ein Missverständnis. Da ist dieser Doktor, der seine Seele an den Teufel verkauft - das wissen alle, ganz gleich, ob sie den Faust gelesen haben oder nicht. Doch warum tut er das? Für ein Leben in Saus und Braus? Ganz und gar nicht!
Am Anfang ist die Depression. Der belesene und studierte Faust erkennt, dass er nichts erkennen kann. Er ist als Wissenschaftler und als Mensch an seine Grenzen gestoßen. Und nun, da er sich zur Elite der Gattung Mensch zählen darf, fühlt er sich leer und ohne jeden Funken Freude.
Was tut er in all seiner Verzweiflung? Er flüchtet in die Welt der Geister und Dämonen, sucht also Rat in der Esoterik, ganz konkret in den rätselhaften Botschaften von Nostradamus. Doch auch das vermag ihn nicht aus seiner Verzweiflung zu reissen. Gerade will er eine Ampulle mit Gift nehmen, da hält ihn das Glockengeläut am Ostersonntag zurück. Nach einem Spaziergang durch die Natur trifft er auf einfaches Volk, das ihm Respekt erweist und sich vor ihm verneigt. Das schmeichelt ihm, und als er am Abend in sein Heim zurückkehrt, erblüht in ihm wieder Hoffnung. "Ach wenn in unserer engen Zelle/ Die Lampe freundlich wieder brennt,/ Dann wird's in unserem Busen helle,/ Im Herzen, das sich selber kennt./ Vernunft fängt wieder an zu sprechen, Und Hoffnung wieder an zu blühn;/ Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,/ Ach! nach des Lebens Quelle hin."
Doch kaum hat er sich mit der Welt ausgesöhnt, gerät die innere Balance auch schon wieder durcheinander. Und warum? "Wir sind gewohnt, dass die Menschen verhöhnen,/ Was sie nicht verstehen./ Dass sie vor dem Guten und Schönen,/ das ihnen oft beschwerlich ist, murren". Und so nimmt er sich selbst gespalten wahr: einerseits als ein Mensch, der sich mit dem arrangieren will, was er hat und ihn umgibt und seine Umwelt akzeptiert. Andererseits verachtet er diese mit Selbstzufriedenheit einhergehende Beschränktheit des Denkens. Aus dieser Zerrissenheit rühren - ach! - die zwei Seelen in seiner Brust. Die eine klammert sich an das, was ist, die andere drängt in höhere Sphären und nach Erkenntnis.
In diesem Augenblick erscheint Faust Mephisto, der Fürst der Finsternis. Und was macht Faust? Nun, er versucht nur halbherzig, das Böse mit Beschwörungsformeln von sich fernzuhalten. Das gelingt ihm dann auch gar nicht - vielleicht, weil ihm dabei unbewusst ein Fehler unterläuft. Denn nach Paracelcus müsste er die vier Elementardämonen verfluchen, den Salamander für das Feuer, Undine für das Wasser, Sylphe für die Winde und den Kobold für die Erde. Letzteren verwechselt er aber und nennt an seiner Stelle den Incubus, also den "teuflischen Sexualpartner einer Hexe", wie es in den Erläuterungen heißt.
Der Mephisto erscheint also, und der Moment seines Erscheinens ist nicht zufällig gewählt. Faust beschäftigt sich mit der universellen Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält und hadert mit der korrekten Übersetzung des allerersten Bibelsatzes. "Im Anfang war das Wort." Nein, "das Wort" erscheint ihm gar nicht angemessen, er wählt stattdessen den Begriff "die Tat" - und will also bewusst in Kauf nehmen, dass im Schöpfungsweg Versuch und Irrtum eingeschlossen sind. Just da taucht also Mephisto auf und stellt sich als den Geist vor, "der stets das Böse will und stets das Gute schafft - ein Teil des Teils, der anfangs alles war". Also nichts weniger als ein abgespaltener Teil von Gott. Und zwar jener Teil, bei dem der Irrweg zum Selbstzweck geworden ist. Denn einerseits ist sein Selbstverständnis, alles mit Recht zu verneinen - weil alles, was entstehe, es wert sei, dass es zugrundegehe. Bis dahin geht es nur um den normalen Zyklus des Werdens und Vergehens. Mephisto geht allerdings noch einen Schritt weiter und behauptet böse, es wäre demnach besser, wenn gar nichts erst entstünde. Faust reflektiert dieses lebensfeindliche Moment später noch einmal, als er sich wünscht, er wäre gar nicht erst geboren worden.
Dann kommen Faust und Mephisto ins Geschäft - die Schlüsselszene des gesamten Stücks. Zu welchem Zweck aber verkauft nun der Doktor seine Seele? Eben nicht, "um ein leichtes Leben" zu führen. Im Gegenteil. Mit Genuß will er ganz und gar nicht betrogen, "nicht mit Lock- und Gaukelwerk umspannt" werden, wie es in Anspielung auf Platons Höhlengleichnis heißt. Sollte dem Teufel dieser Betrug gelingen, will Faust sofort die Wettschuld einlösen und an Mephisto seine Seele übereignen. Oder eher: alle zwei.
Aber was zum Teufel möchte Faust denn nun, wenn es nicht Hedonismus ist? Lauter Dinge, die ihm keine substanzielle Freude bereiten! Genüsse, die unerfüllbar bleiben und somit ewige Sehnsucht garantieren: Speise, die nicht sättigt; ein Spiel, bei dem man nie gewinnt; ein Mädchen, das an seiner Brust schon mit einem anderen flirtet.
Zunächst einmal versucht ihn Mephisto zu überlisten, führt ihn durch die Welt, um ihm zu zeigen, "wie leicht sichs leben lässt" - aber das beeindruckt Faust nicht. Unbeteiligt, ja, gänzlich unbeeindruckt steht er am Rand in Auerbachs Keller, wo gezecht, gesungen und gelacht wird.
Dann geht die Reise weiter in die Hexenküche. Dort weist Mephisto die Hexe zurecht, als die ihn "Satan" nennt, denn dieser sei längst in die Sagenbücher entschwunden. "Heute nenne man den Teufel lieber Baron" - eine Anspielung auf die Käuflichkeit des Titels und ein Seitenhieb auf dubiose "Finanz- und Schlotbarone" zu Goethes Zeit.
Die Hexe braut einen Trank für Faust, der ihn verjüngt. Und dann entdeckt er etwas, das in ihm ein erstes Begehren weckt: das Bild einer nackten Frau! Allein das Bild fasziniert ihn, denn er entdeckt in dieser Projektion, die keiner real existierenden Frau zuzuordnen ist, den "Inbegriff von allen Himmeln". Mephisto entgegnet listig: "Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt,/ Und selbst am Ende Bravo sagt,/ Da muss es was Gescheites werden."
Mephisto verspricht eiligst, ihm eine solche Frau zu verschaffen. Oder besser: ein solches Bild von einer Frau, dem "Muster aller Frauen", denn es geht ja um die Projektion eines begehrenswerten Subjekts. Mit dem Zaubertrank der Hexe, sagt Mephisto, sehe er "bald Helenen in jedem Weibe". Das sollte eine Anspielung auf Helena von Troja sein, die als die schönste Frau der Welt gegolten hat - und für die Griechen sogar der Auslöser des Trojanischen Krieges war.
Auf diese Weise wird nun also das Gretchendrama eingeleitet. Denn Gretchen ist die erste Frau, die Faust über den Weg läuft. Sofort verliebt er sich in sie, kommt aber nicht umhin, sie gespalten wahrzunehmen - als Objekt einerseits, wenn er sie "Püppchen" nennt, als Heilige andererseits, wenn er sie etwa als "Engel" bezeichnet. Mit beidem kommt Gretchen nicht zurecht, sie wird ins Unglück gestürzt. Oder besser: sie spiegelt ein ähnliches Dilemma wie das von Faust. Denn der Schmuck, mit dem sie von Mephisto geblendet wird, verfehlt seine Wirkung nicht und entfacht in ihr Begehren: "Nach Golde drängt,/ Am Golde hängt/ Doch Alles. Wir Armen."