"Ich hab' es getragen sieben Jahr" - das Warten auf die Aufzeichnung der einmaligen Faust-Inszenierung von Peter Stein aus dem Jahr 2000. Erst 2007 ist sie endlich erschienen.
Damit haben wir die einzige vollständige Aufzeichnung einer Theaterproduktion des kompletten Faust (nicht öffentlich zugängliche Aufzeichnungen von anthroposophischen Liebhaberinszenierungen mögen existieren - ich weiß es nicht).
Peter Stein als Protagonist des Regietheaters - "bewundert viel und viel gescholten". Gerade für seinen Faust hat er aber seinerzeit viel Kritik einstecken müssen, weil er das Stück nicht "wohl dressiert, in spanische Stiefeln eingeschnürt" ins das verformende Korsett einer eigenwillig-novitätensüchtigen Interpretation gezwängt hat. Statt dessen Ehrfurcht vor dem Text, das Wort "Demut" wäre bei dem egostarken Peter Stein vielleicht nicht ganz angebracht.
Keine Angst also und der Zuschauer dankt: Anders als in anderen Inszenierungen der letzten Jahre wird Mephisto weder von einer Puppe dargestellt noch fährt er Motorrad, ist der Teufel auch keine Frau - letzteres haben sich übrigens noch nicht einmal die Leute mit der "Bibel in gerechter Sprache" getraut (eigentlich ungerecht). Auch den rappenden Homunculus (Bad Hersfeld 2007)wird man nicht wirklich vermissen.
Gerade die derart gewaltfrei-zurückhaltende Interpretation überwältigt. Nach einem zweitägigen Faustmarathon in Berlin 2000 war ich ähnlich erschöpft wie der Siegesbote des Jahres 490 v. Chr. bei Ankunft in Athen. Und doch, schon während des Applauses wurde ich traurig und erinnerte mich:
Vorbei! ein dummes Wort.
Warum vorbei?
Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei!
Sicher, den Zauber der miterlebten Aufführung kann keine Konserve gänzlich wiederholen. Sie bietet dafür aber vieles, das dem Zuschauer im Theater verborgen bleibt.
Die offene Form der Darbietung erlaubt dem Zuschauer eine eigene Interpretation, fordert sie sogar. Zu bedenken ist aber immer, daß der Faust - vielleicht sogar in erster Linie - ein Lesestück ist. Hierzu darf ich auf die unschätzbare, reich und gut verständlich kommentierte Ausgabe von Albrecht Schöne (Taschenbuch: ISBN 3458347003;gebunden: ISBN 3618602707) verweisen. Sicher, so manches erschließt sich erst beim wiederholten Lesen oder Hören, aber es wächst der Appetit, denn das Stück ist "Speise, die nicht sättigt" (I, Vers 1678).
Besonderes Lob der Filmregie. Sie bringt das Kunststück fertig, den Schauspielcharakter zu erhalten und mit den Möglichkeiten des Films gelungen zu verschmelzen. Als Film betrachtet ist die Aufzeichnung deutlich besser als die der berühmten Gründgensinszenierung von Faust I.
Nicht uneingeschränkt zu befriedigen vermag die Sprechkultur eigentlich aller Schauspieler. Um des jeweiligen Versmaßes willen hat Goethe häufig Vokale ausgelassen. Diese ausgelassenen Vokale sprechen die Schauspieler häufig - und damit das Versmaß störende Silben bildend - mit. Zu meiner nicht geringen Verblüffung stößt der Schüler in Faust I, Schülerszene (Vers 1982), als es eigentlich um die Theologie gehen soll, hervor: "Fast möcht' ich nun - Philologie studieren." Freudsche Bestleistung des Schauspielers oder doch ein Rückfall ins Regietheater?
Hübsch, aber unaufdringlich auch einige Regieeinfälle, so: Die weiße Gewandung des in der Hexenküche verjüngten Faust wirkt wie eine bürgerlich-bescheidene Variante des ebenfalls weißen Anzugs von Ruggero Raimondi als Don Giovanni im gleichnamigen Film von Joseph Losey (1979). Eigentlich naheliegend:
MEPHISTOPHELES.
(über Gretchen)
Über die hab' ich keine Gewalt!
FAUST.
Ist über vierzehn Jahr doch alt.
und:
FAUST.
Hätt' ich nur sieben Stunden Ruh',
Brauchte den Teufel nicht dazu,
So ein Geschöpfchen zu verführen.
Fazit: Peter Stein gebührte für seinen Faust die sofortige leibliche Aufnahme in den siebten Theaterhimmel, müßte er nicht im Fegefeuer des Zuschauerzorns "im Sünderhemdchen Kirchbuß' tun", weil er keine Aufzeichnung seines ebenso grandiosen Wallenstein (Berlin 2007)zuwege gebracht hat.
Von imaginären 7 Punkten ziehe ich deswegen zwei ab, vebleiben alle 5 möglichen.