Als Wirtschaftswissenschaftler der Universität Chicago und ehemaliger Chef des Internationalen Währungsfonds hatte der Autor schon vor Beginn der Finanzkrise auf bedrohliche Verwerfungen des Finanzsystems hingewiesen, aber kein Gehör gefunden. In "Fault Lines" erläutert er, wie es zu diesen Verwerfungen kommen konnte, wie sich die gegenwärtige Finanzkrise von früheren unterscheidet, was während der aktuellen Finanzkrise geschah und was getan werden kann, um eine solche Krise in Zukunft zu vermeiden. Ihm kommt dabei zugute, dass er als in den USA lebender Inder ausgezeichnet mit den Verhältnissen und Mentalitäten in den USA vertraut ist und dennoch den Standpunkt eines Beobachters von außen, man könnte auch sagen: eine globale Perspektive, einnehmen kann.
Ursache der Finanzkrise ist für Rajan die immer geringere Beteiligung immer größerer Anteile der US-Bevölkerung am wachsenden Wohlstand des Landes verbunden mit einer im Vergleich zu europäischen Verhältnissen geringen sozialen Absicherung und einem Strukturwandel, der immer höhere Anforderungen an die Ausbildung der US-amerikanischen Jugend mit sich bringt, die das Schulsystem in seiner Breite nicht erfüllt. Da diese Probleme politisch schwer zu lösen schienen, besonders weil keine Partei es verstanden hat, für eine Lösung dieser Probleme Wählerstimmen zu gewinnen, mogelten sich die aufeinander folgenden Administrationen um grundlegende Reformen herum und stellten ihre Wähler stattdessen mit billigen und vor allem ungesicherten Krediten ruhig - nach dem Motto: Der Bürger muss nicht gut verdienen, um sich gut zu fühlen, er muss nur gut ausgeben können.
Mir war bisher nicht klar, wie tief die amerikanischen Regierungen in diese breite ungesicherte Kreditvergabe verwickelt waren. Und mir war nicht klar, wie die Vielzahl ungesicherter oder schlecht abgesicherter Kredite ("Subprime") in Wertpapiere "verarbeitet" werden konnten, die von Rating-Agenturen als "sichere Anlage" bewertet wurden. Dies erklärt der Autor hervorragend und einleuchtend. Zum einen ist auch ein "Rest"risiko ein reales Risiko, zum anderen wurde das Ausfallrisiko eines einzelnen Kredits als unabhängig vom Schicksal anderer Kredite anderer Schuldner bewertet. Das Risiko, dass der gesamte Immoblienmarkt zusammenbricht, wurde vernachlässigt. Nicht zuletzt hat staatliches Handeln die Marktkräfte und Risiken erheblich verzerrt: Der private Sektor hat Unsummen an der unsoliden Kreditvergabe verdient mit dem guten Gefühl, dass er den politischen Wunsch der Regierung umsetzt und alle Risiken, sofern sie sich manifestieren, an den Staat abtreten kann. Finanziert wurden diese Kredite letztlich mit ausländischem Geld - Geld, welches Länder, die wie Deutschland vom Export leben, konsumierenden Ländern wie den USA leihen, damit diese die exportierten Produkte kaufen können. Die Tatsache, dass es Länder gibt, die vorwiegend vom Export leben, stellt dabei ein Problem auf globaler Ebene da: Unsere positive Handelsbilanz bedeutet eine negative Handelsbilanz anderswo. Erhebliche Ungleichgewichte im Welthandel haben die Entwicklungen daher befeuert, die schließlich zu der gegenwärtigen Krise führen mussten.
Insgesamt war das Buch spannend und gut zu lesen - ganz besonders auf meinem Kindle, der es ermöglicht, mit dem Cursor auf ein unbekanntes Wort zu zeigen, welches dann in der Kopf- oder Fußzeile englisch erläutert wird, ohne dass der Buchtext ausgeblendet wird, so dass man nicht durch gelegentliches Nachschlagen immer wieder aus dem Text heraus gerissen wird. So leicht wie ein guter Krimi liest sich "Fault Lines" natürlich nicht - das Thema verlangt zumindest für den nicht in Wirtschaftsdingen erfahrenen Leser Interesse an der Thematik und etwas Konzentration.