In Athen herrscht der Ausnahmezustand: Eine Demonstation jagd die nächste, täglich erfährt Kostas Charitos, Mordermittler der Athener Polizei, von neuen Einsparprogrammen der griechischen Regierung, die auch vor seinem Weihnachtsgeld und seinen Rentenansprüchen nicht halt machen. Als zwei Bänker von einem unbekannten Täter enthauptet werden und wenig später in Athen zahlreiche Aufrufe zum Banken-Boykott auftauchen, scheint die Bankenkrise auch Charitos Berufsalltag erreicht zu haben. Charitos glaubt nicht an eine neue Terrorgruppe, doch Vorgesetzte und Politiker fordern schnelle und sichtbare Erfolge. Charitos vermutet den Täter in einer anderen Richtung und schon bald geben ihm die Entwicklungen recht.
Vieles erinnert mich in "Faule Kredite", dem ersten (und letzten) Kostas Charitos Krimi, den ich gelesen habe, an Donna Leons Commissario Brunetti: Das Wechselspiel zwischen Charitos und seinem Vorgesetzten, dessen attraktive und kluge Vorzimmerdame, die detaillierten Beschreibungen, wenn sich Charitos durch seine Heimatstadt Athen bewegt, und die eingestreuten Details zu Charitos Familienleben in ständiger Sorge um die Zukunft der eigenen Tochter. Der augenscheinlichste Unterschied zu den Donna Leon Krimis ist die Erzählperspektive. Bei Markaris erzählt Charitos selber, in der Ich-Perspektive, kein allwissender Erzähler hält die Fäden in der Hand.
Leider funktioniert "Faule Kredite" nach einer der simpelsten Maximen der Krimiliteratur: Diejenige Figur, die von Beginn der Erzählung an immer wieder in kleinen Auftritten erscheint und auf den ersten Blick so gar nichts mit dem Geschehen zu tun zu haben scheint, ist am Ende der Täter. So werden erfahrene Krimileser lange vor Charitos die Mordserie aufgeklärt haben, während Charitos noch durch den alltäglichen Athener Stau von einem Verdächtigen zum nächsten fährt. Zur Auflösung bedarf es dann einiger mit sehr grobem Werkzeug gezimmerter Zusammenhänge, denn Tat und Motif passen nicht wirklich zusammen.
Im Klappentext heißt es zum politischen Umfeld dieser Kriminalerzählung: "Petros Markaris beschreibt die harte Realität, mit der die Griechen heute konfrontiert sind, ganz ohne Larmoyanz ...". Dieses Statement geht an der Realität von "Faule Kredite" leider völlig vorbei. Ganz im Gegenteil läßt Markaris seine Romanfiguren permanent über die griechischen Sparmaßnahmen klagen. Als deutschem Steuerzahler fällt es mir dabei sehr schwer, die Tragik darin zu erkennen, wenn griechische Polizisten zukünftig nicht mehr mit 55 (!), sondern mit 60 Jahren in Rente gehen werden. Für Charitos Kollegen ist diese Maßnahme aber der Abgesang auf das christliche Abendland.
Zugleich gibt sich Charitos (bzw. Markaris) mit einer äußerst oberflächlichen Beschreibung finanzwirtschaftlicher Zusammenhänge zufrieden, die zwar ausreichen um den Mord an einem Hedgefond-Manager in Szene zu setzen, aber schon beim Versuch, eine Verbindung zwischen zahlungsunfähigen griechischen Geschäftsleuten und der Arbeit internationaler Rating-Agenturen zu ziehen, verharrt Markaris/Charitos in populistisch-gefärbten Phrasen.
Geradezu dümmlich wird "Faule Kredite" dann, wenn Markaris das schwierige griechisch-europäische Verhältnis in der aktuellen Krise thematisiert: "Das Gute an den Europäern ist, dass sie mit den Entschuldigungen immer schnell bei der Hand sind, ob es sich nun um Beleidigung oder um Völkermord handelt." (S. 368) Dieser Satz ist politisch und historisch dermaßen dämlich, dass es schon erstaunlich ist, dass er es unbeschadet über den Schreibtisch eines Lektors geschafft hat.
Ein Kleinigkeit ist mir noch im Umschlagtext ins Auge gestochen. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass die deutsche Ausgabe in Zusammenarbeit mit dem Autor erneut durchgesehen wurde. Was hat das zu bedeuten? Auffällig ist, dass zwar kräftig auf die Europäer geschimpft wird, die deutschen aber als explizite Adressaten nirgendwo erwähnt werden. Wer die tatsächliche Situation in Athen verfolgt hat, weiß, dass gerade die Deutschen (und ihre Kanzlerin) als Inbegriff der EU von den Demonstranten attakiert worden sind. Wurde "Faule Kredite" etwa für den deutschen Markt verkaufsfördernd entschärft? Ist im Original tatsächlich ein holländischer Diplomat der Inbegriff zentraleuropäischer Arroganz oder wurde für die deutsche Version der deutsche Amtsträger flugs durch seinen Nachbarn ersetzt? Vielleicht hat jemand das griechische Original von "Faule Kredite" gelesen und könnte einen entsprechenden Kommentar hinterlassen.
Insgesamt ist "Faule Kredite" in meinen Augen bestenfalls ein durchschnittlicher Krimi, der zwar vielversprechend beginnt, dann aber vom Autor überkonstruiert zur Auflösung geführt wird. Insgesamt wenig originell, politisch auf Boulevardniveau, daher nur zwei Sterne.