Um 1990 herum schwappte die Psychopathen-Welle durch die Kinosäle. Ausgelöst worden war sie durch Blockbuster wie "Eine verhängnisvolle Affäre" und "Kap der Angst", aber auch durch reale Ereignisse, für die schon bald die neue Vokabal "Stalking" die Runde machte. Geistig labile Einzeltäter stürzten sich aufgrund eines eingebildeten Zusammengehörigkeitsgefühls oder einfach auf der Suche nach ihren 15 Minuten Ruhm auf unschuldige Opfer. Diese waren häufig Prominente - in Deutschland z.B. Oskar Lafontaine, Wolfgang Schäuble und Monica Seles -, aber zunehmend auch unbekannte Durchschnittbürger und -bürgerinnen. Dies ist der Hintergrund, vor dem "Fatale Begierde", ein Film aus dem Jahr 1992, zu sehen ist. Ray Liotta spielt einen beziehungsgestörten, "zu straff gewickelten" Polizisten, der einem Architekten und seiner Frau (Kurt Russell, Madeleine Stowe) bei einem Einbruch zur Hilfe kommt. Er dringt immer stärker in ihr Leben ein, wobei sich seine Beziehungssucht anfangs noch auf beide, zunehmend aber immer stärker auf die Frau erstreckt.
Insgesamt ist der Film für eine Videosession an einem verregneten Freitagabend sehr zu empfehlen - wenn man denn auf diese Art von Filmen steht. Er besitzt nicht die existentialistische Klasse von "Kap der Angst" oder die melancholisch-tragische Stilsicherheit von "One Hour Photo". Es ist ein Film, der nichts weiter will als zu unterhalten, und das gelingt ihm gut. Wenn man ehrlich ist, ist das Skript ziemlich schwach, weil wenig originell und voller Logiklöcher (ich würde z.B. mal gerne wissen, wie es ein dahergelaufener Streifenpolizist schafft, einem Widersacher mal eben sämtliche Kreditkarten sperren zu lassen). Trotzdem ist der Film auch nach mehrfachem Ansehen noch sehr unterhaltsam. Er ist nämlich überall dort am stärksten, wo er sich auf seine ausgezeichneten Darsteller verlässt. Aus diesem Grund sind die ersten zwei Drittel auch klar besser als die letzte halbe Stunde, in der die Handlung doch in eine etwas übertriebene Comic-Action abkippt.
Getragen wird der Film von Ray Liotta, der für meine Begriffe in diesem Film die Rolle seines Lebens spielt. Anfangs wirkt er wie der topprofessionelle Cop, auf den sich brave Bürger verlassen können, dann wie der etwas schüchterne Single aus der Nachbarschaft, den man gerne zur Grillparty am Wochenende einladen würde, um ihn dort mit einer Bekannten zu verkuppeln. Es schnürt einem schier die Kehle zu, wie Liotta nach und nach immer aufdringlicher und penetranter wird und die Frau seines Widersachers nach anfänglicher Sympathie immer mehr irritiert und in Verlegenheit bringt. Ray Liottas stechenden Blick und sein eigentlich sympathisches Lächeln, welches einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, muss man einfach gesehen haben.
Dass Madeleine Stowe sich nach einer kurzen, aber prägnanten Leinwandkarriere Anfang der 90er Jahre auf ihre Familienfarm nach Texas zurückzog, ist von vielen Kritikern zurecht bedauert worden. Wie nur wenige Schauspielerinnen versteht sie es, einer Rolle auf ganz unaufdringliche Art Tiefe zu verleihen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die Motivation der Handlung in "Fatale Begierde" fußt ja maßgeblich darauf, dass Karen Carr den Polizisten Pete Davis unwissentlich zu seinem Stalking ermuntert - und da hängt der ganze Film davon ab, dass die Darstellerin diese Feinheiten auch ausdrücken kann und nicht nur schrill quietschend die Treppe raufrennt. Wahrscheinlich handelt es sich bei Madeleine Stowe um die am meisten unterschätzte Schauspielerin der 90er Jahre. Das betrifft nicht zuletzt ihre Wandlungsfähigkeit: man könnte sich Jodie Foster als Psychiaterin in einem Science-Fiction-Film vorstellen und Julia Ormond als gefühlsberauschte Generalstochter in einem Historien-Schmachtfetzen - aber nicht umgekehrt. Madeleine Stowe hat sowohl das eine als auch das andere in "Twelve Monkeys" und "Der letzte Mohikaner" absolut glaubwürdig verkörpert.
Kurt Russell spielt seine für ihn typische Verwandlung (von einem sympathisch-unbeholfenen Mr. Nice Guy zur erbarmungslosen Klapperschlange) solide, aber nicht so spektakulär wie ein paar Jahre später in "Breakdown". Seine Rolle ist recht symptomatisch für den Film insgesamt: kein epochales Werk für die Ewigkeit, aber gut gemachte, solide Unterhaltung, die den Erwartungen voll gerecht wird.