"Du schaust nach ihm - und du siehst es nicht.
Sein Name lautet Unsichtbar.
Du lauschst nach ihm - und hörst es nicht.
Sein Name lautet Unhörbar.
Du greifst nach ihm - und ergreifst es nicht.
Sein Name lautet Ungreifbar."
(14. Abschnitt des Laozi)
Die Sinologin Dr. Martina Darga beschäftigt sich seit vielen Jahren mit chinesischen Religionen und insbesondere mit dem Daoismus. Mit dem vorliegenden Band hat sie nun ein Buch veröffentlicht, das seinesgleichen sucht: Eine Einführung in die Grundlagen des Daoismus und eine Auswahl inspirierender daoistischer Texte, die großteilig erstmals in deutscher Sprache vorliegen. Darga erläutert diese Texte sehr gut verständlich und schafft es damit, auch den Leser, der über keinerlei Vorwissen verfügt, in diese faszinierende Weisheitstradition einzuführen.
Gegliedert ist das Buch folgendermaßen: Zunächst führt der Wissenschaftler und Gelehrte für Geschichte, Methoden und Kulturgüter des Daoismus, Tan Dajiang (Kongde), in einem kurzen Vorwort in die Materie ein. Schließlich erfolgt eine ausführlichere Einführung in den Daoismus durch die Autorin. Hier erfährt man etwas über die Wurzeln, Themen und Sichtweisen des Daoismus. In einer editiorischen Notiz verweist sie auf die Herkunft der Textgrundlagen und verschiedene Ausgaben (v.a. Des Daode jing).
Dann beginnt der "Textteil". Im ersten Abschnitt geht es um "die Welt". Hier findet man Texte des Daoismus, die sich mit so wichtigen Begriffen wie der "Leere" (im Daoismus elementar - und v.a. positiv konnotiert; im Gegensatz dazu sollte man sich die "Leere" oder das "Nichts" im westlichen Kontext vor Augen führen!) befassen. Das Dao und seine Wirkkraft wird mit Hilfe verschiedener Texte und den entsprechenden Erläuterungen sehr verständlich erklärt. Auch Begriffe wie Natur und Natürlichkeit, Leere und Stille und Makrokosmos und Mikrokosmos, rücken ins Zentrum der Betrachtung. Schnell wird klar, dass man mit westlichen Erklärungsmustern nicht weit kommt. Die Texte sind sehr inspirierend und oft auch poetisch. Kein bisschen trocken oder weltfremd. Keine komplizierten Konstruktionen o.ä., sondern an der Lebenswelt orientierte Texte, wie man sie vielleicht schon aus dem chinesischen Kulturraum kennt.
Der zweite Abschnitt ist dem "Menschen" gewidmet: Leben und Tod, innere Umwandlung und Rückkehr zum Dao sind hier Schlüsselbegriffe. Anhand der Geschichte von dem Mann, der seine Frau verliert und dann ständig ihren Tod beklagt wird verdeutlicht, welche Rolle Sterben und Tod im Daoismus beigemessen wird - und welche eben nicht.
Der dritte große Abschnitt heißt schließlich "Der Mensch in der Welt". Hier steht u.a. das absichtslose Handeln, wuwei, im Mittelpunkt. Für Menschen aus westlichen Kulturen zunächst schwer fassbar, stellt es einen zentralen Gesichtspunkt des Daoismus dar. Auch Weisheiten zum "wahren Menschen" und Texte zur Meditation sind in diesem Kapitel zu finden.
Ein ausführlicher Anhang, in dem die chinesischen Quellen ausführlich vorgestellt werden, chinesische Fachwörter erklärt werden und in dem ergänzende Anmerkungen zu finden sind, runden das Werk schließlich ab.
Sehr schön ist die Gestaltung des Buches. Chinesische Schnitte und Schriftzeichen ergänzen die Texte auf eine sehr angenehme Weise. Die daoistischen Texte sind auf graue Seiten gedruckt, so dass man schnell sehen kann, was "Original" und was Erläuterung ist.
Fazit: Eine wunderbare und inspirierende Einführung in den Daoismus. Für Menschen, die sich für östliche Religion und Spiritualität interessieren unbedingt zu empfehlen!