Wenn es stimmt, dass die Kopie die schönste Form des Kompliments ist, darf sich Ferdinand von Schirach geschmeichelt fühlen. Seine erfolgreichen Kurzgeschichtenbände ("Verbrechen" und "Schuld") haben offenbar eine Nachahmerin auf den Plan gerufen. Die Literaturkritikerin Ursula März hat selbst in die Tasten gegriffen und legt einen Band mit ähnlichem Strickmuster vor: "Beinahe kriminell, Geschichten aus dem Alltag." Auch März bewegt in ihren Geschichten die Frage: Was steckt hinter einer Tat, wie sind die Umstände, was das Motiv?
Nur dass ihre Fälle - von wenigen Ausnahmen abgesehen - keine Taten sind, sondern Bagatellen, die wegen Geringfügigkeit eingestellt werden, wenn sie vor Gericht landen. Alltäglichkeiten wie ein Beinahe-Unfall zwischen einem Auto- und einem Radfahrer, einem Stalker, der nichts tut, außer seinen Hund aus der Wohnung der Angebeteten zu holen, der schwule Nagelpfleger, der aus Liebeskummer ein Schaufenster einritzt, etc. In den wenigsten Fällen passiert etwas, es passiert meist nur beinahe etwas, es ist wie der Titel schon sagt: beinahe kriminell. Genau das ist zu wenig, um den Leser zu packen.
In v. Schirachs Geschichten hielt ein Erzähler in Person des Anwalts die Geschichten zusammen. Diese inhaltliche Klammer fehlt, die vorliegende Sammlung wirkt daher beliebiger. So bleibt der Eindruck in sich durchaus gut geschilderter, psychologisch plausibler, traurig-tragischer Schicksale, wie wir sie täglich im Vermischten der Tageszeitung lesen, die mit viel Aufwand zu Kurzgeschichten aufgeblasen wurden. Man kann März nicht mal Etikettenschwindel vorwerfen - der Titel sagt es schon.