Farnace war Vivaldis Lieblingsoper, die er in nicht weniger als sieben teils stark unterschiedlichen Versionen zwischen 1724 und 1738 bearbeitete. Umso erstaunlicher ist, dass es bislang keine überzeugende Gesamtaufnahme des Werkes gab. Eine italienische Einspielung der Originalfassung aus den Neunzigerjahren ist wegen starker Kürzungen sowie des Verzichts auf historische Aufführungspraxis und Originalinstrumente nicht zu empfehlen. Die klanglich und interpretatorisch sehr zweifelhafte, noch dazu mit Teilen einer gleichnamigen Oper von Corselli verschnittene Liveaufnahme der Fassung von 1731 unter Savall bei Alia Vox, die unverständlicherweise von der sonst so lobenswerten Opus 111-Edition übernommen wurde, konnte nur wenig zu einem tieferen Verständnis des Werks beitragen, zumal die aus einer Notlage heraus für Tenor adaptierte Titelrolle hier einem Bariton übergeben wurde. Mit der nun vorliegenden Ersteinspielung der letzten Fassung von 1738 (die letzte erhaltene Opernpartitur des Prete rosso überhaupt), die zwar altes Material verwendet, jedoch zumeist völlig neu bearbeitet, liegt nun endlich die Referenzaufnahme dieser für Vivaldi so wichtigen Oper vor. Sehr zu begrüßen ist hier die Besetzung der für den Titelhelden ursprünglich vorgesehenen typischen Stimmlage des Kastratensoprans mit einem Countertenor. Wie man in dem hervorragend ausgestatteten Booklet (in heutiger Zeit keine Selbstverständlichkeit) detailliert nachlesen kann, scheiterte die Opernaufführung in Ferrara an diversen Intrigen, so dass Vivaldi die Partitur nach dem 2. Akt abbrach. Dirigent D. Fasolis hat den 3. Akt unter Heranziehung der Fassung von 1731 hervorragend rekonstruiert, dazu wurden noch zwei bedeutende Arien hieraus als Anhang mit aufgenommen, so dass also hier der musikwissenschaftlich sauberste und bislang vollständigste Farnace vorliegt.
Auch wenn bis auf Cencic die ganz großen Namen der Szene fehlen, erfreuen durchweg alle Gesangssolisten in der nicht unproblematischen Stimmverteilung von einem eher tiefen Sopran, drei Mezzosopranen, einem Countertenor und zwei Tenören durch stilsichere Technik und individuell-seelenvollen Ausdruck. Besondere Erwähnung muss natürlich der Titelheld Max Emanuel Cencic finden, der nach seiner nur teilweise gelungenen Händel-CD nun offenbar seine künstlerische Mitte gefunden hat: Mal virtuos-koloraturensicher mit metallischer Schärfe, mal pathetisch-ausdrucksvoll mit betörender Sanftheit verleiht er der Figur des Königs Farnace Würde und Plastizität (Man höre dazu am besten seine erste große Arie des 2. Aktes) Ein Glücksfall in der nicht eben üppig besetzten ersten Countertenor-Liga!
Am erfreulichsten ist allerdings, dass D. Fasolis mit seinem Barockorchester eine sehr entspannte Gangart mit teils überraschend ruhigen Tempi gewählt und die Verzierungen der Dacapoarien auf ein Mindestmaß beschränkt hat um einem Überdruss beim mehrmaligen Hören vorzubeugen, was übrigens N. Harnoncourt schon vor über 30 Jahren gefordert hat.
Nach den vielen in Tempo, Agogik und Stimmbehandlung meist unter Starkstrom stehenden, völlig überzogenen Vivaldi-Experimenten der letzten Jahre setzt sich diese von Extremen freie und trotzdem spannende Lesart, die Interpreten und Hörern gleichermaßen wohltut, hoffentlich auf breiter Front durch.
Uneingeschränkte Kaufempfehlung!