Laschia ch'io pianga, mia cruda sorte, e que sospiri, la liberta - Lass mich dir klagen, mein grausames Schicksal, und was ich mir ersehne? Die Freiheit!" Diese wunderbaren Zeilen aus der Arie aus Händels Rinaldo bilden nicht nur den musikalischen Höhepunkt des Films, sondern beschreiben auch Leben und Fühlen des Hauptcharakters. Carlo Broschi, genannt Farinelli, lebt zwischen Virtuosität und Verzweiflung. Der Sänger,verehrt und bewundert, der Mensch, begehrt und verachtet gleichermaßen. An seinen Bruder Riccardo bindet ihn ein zwar innige, aber zerstörerisches Verhältnis. Dieser, ein nicht völlig unbegabter, wenngleich irgendwo uninspirierter Komponist, benutzt den unvergleichlich talentierten Kastraten, um seiner Musik zu Popularität zu verhelfen: "La tua voce e la mia musica" sagt Riccardo einmal, gehören zusammen.Dabei will er sich nicht eingestehen, dass es Carlos Gesang ist, den die Menschen hören wollen, nicht Riccardos Opern. Andererseits zentriert der Komponist seine Werke völlig auf die exeptionelle Stimme seines Bruders, überläd sie für ihn, der das gar nicht will, mit Verzierungen und technischen Finessen, er kastriert sein Talent, wenn man so will, um der Stimme des Sängers zu Diensten zu sein und merkt gar nicht, wie die Musik darunter leidet.
Farinelli indessen giert nach tiefgründigeren Werken, nach der Musik des Mannes, den er so verehrt und der ihn so verabscheut: Georg Friedrich Händel. Nichts mehr wünscht der Kastrat sich als die Anerkennung des großen Komponisten. Doch jeder Versuch, sich an Händel anzunähern, endet katastrophal. Händel sieht in ihm nicht mehr als eine "singing machine" und nicht einmal als es darum geht, sein Opernhaus Covent Garden zu retten, will er ihn mehr für sich singen lassen. Dabei verteidigt Farinelli den deutschen Komponisten, indem er all die Virtuosität sieht, die seinem Bruder abgeht, sogar gegenüber dem Prince of Wales in einem heftigen Streitgespräch. "Man wird Händels Namen noch voller Respekt aussprechen, während man den Euren längst vergessen hat!"
Schließlich singt Farinelli Händels Arien - ohne dessen Erlaubnis. Alexandra, die Frau, die die Person Carlo, nicht den Virtuosen Farinelli liebt, stiehlt die partitur des "Rinaldo" von Händel und Farinelli trägt sie in der Opera of the Nobility vor. Kurz, nachdem Carlo erfahren muss, dass sein eigener Bruder, Riccardo, es war, der ihn hat kastrieren lassen - ein Umstand, an den er sich durch Opium und Fieber nicht mehr erinnern konnte und über den sein bruder ihn stets belogen hatte - kurz nach dieser erschütternden Offenbahrung durch Händel, trägt er in dem denkwürdigsten Moment des Films die Arie "Laschia ch'io pianga" vor.
Und so wie Farinelli eine bittere Erkenntnis verarbeiten muss, muss es auch Maestro Händel selbst: Die Einsicht, dass der Kastrat wie niemand anderes in der Lage ist, seiner Musik Leben einzuhauchen, lässt den "eisernen" Händel zusammenbrechen.
Was ist zu dem Film noch zu sagen? Die Charaktere sind ein wenig sperrig, man wird nicht unbedingt beim ersten Mal mit ihnen warm. Aber mit der Zeit jedoch entdeckt man die Feinheiten in der Darstellung und kann sich in die Figuren einfühlen, ich selbst musste den Film mehrere Male sehen, damit sie sich mir richtig erschließen konnten. Aber umso reizvoller scheint doch, was nicht sofort offen zu Tage liegt.
Man hat es hier nicht unbedingt mit einer authentischen Künstlerbiographie zu tun und auch die musikalische Einschätzung ist nicht immer ganz korrekt: So ist Riccardo Broschi m.E. durchaus reizvoll als Komponist und Händels Arien durchaus nicht so unverschnörkelt und geradelinig, wie man annehmen könnte (wer "Dopo Notte" o.ä. kennt, weiß, was ich meine). Hinzu kommt, dass man den Eindruck gewinnen könnte, Farinelli sei der einzi nennenswerte Kastratensänger seiner Zeit gewesen. Dabei hatte aber auch Händel hochkarätige Sänger wie Cafarelli oder Senesino unter Vertrag, das sollte man wissen, denke ich.
Nun tut das dem Film als Kunstwerk aber keinen Abbruch. Man hat es mit einem sinnenberauschenden Werk zu tun, dass durch Bilder und Musik gleichermaßen betört. Eine Liebeserklärung an die barocke Ästhetik, wenn man so will. Und was auch zu loben ist: Bis in die Sprache hinein ist der Film detailverliebt - Die Italiener sprechen unter sich italienisch, auf dem internationalen Parkett verständigt man sich auf französisch, oft scheint aber der Akzent der Muttersprache noch durch und Händel flucht auch mal auf Deutsch. Mit einer solchen Präzision kann z.B. Amadeus keinesfalls aufwarten und das verleiht dem Film Authentizität und zusätzlichen Charme.
"One God, one Farinelli", man wünscht, man wäre dabei gewesen, um mit diesen begeisterten Rufen einstimmen zu können!