In diesem Buch geht es um "Synästhesie", ein medizinisches Rätsel, von dem nur zehn von einer Million Menschen betroffen sind - zum Beispiel: wenn sie eine Farbe sehen, empfinden sie auch einen Klang dazu, mit einem Geschmack kommt zugleich auch ein Bild. Solche Menschen zweifeln oft an ihrem Verstand; für einige von ihnen muß das Buch eine echte Erlösung gewesen sein. Aber was ist für die restlichen 99,999 % daran interessant? Cytowic ist es gelungen, seine wissenschaftliche Entdeckerfreude in spannende Geschichten umzusetzen, mit witzigen Dialogen und überraschenden Einsichten. Nebenbei rechnet er immer wieder mit der Schulmedizin und ihren Vorurteilen ab. Anklänge an Synästhesie kann fast jeder in sich finden, wenn auch nur selten die volle Symptomatik. Cytowic spekuliert, daß es sich dabei um eine verlorengegangene frühe Fähigkeit handelt, sozusagen aus den Zeiten, als wir noch mit den Tieren reden konnten; Synästhesie kann als übersinnliche Wahrnehmung empfunden werden. Sie ist gewissermaßen "...ein Bonus: die Sinne liefern mehr, als bestellt wurde". Nebenbei und gut verständlich schildert Cytowic Techniken der Hirnforschung und gibt Einblicke in die Funktionsweise des Unterbewußtseins und der Gefühlswelt. Dieser Stoff reicht genau 222 Seiten, aber das war ihm offenbar nicht genug. Deshalb hängte er Teil 2 an, in dem Essays gesammelt wurden - die wirken oberflächlich, beziehen sich nicht mehr auf das Thema, bringen kaum Neues, sind langweilig zu lesen und können verlustlos übersprungen werden. Teil 1 reicht aus, um das Buch zu empfehlen. Hans-Curt Flemming