Das Cover eines Albums soll der dahinter befindlichen Musik ein Gesicht geben und, was wahrlich nicht immer gelingt, visualisieren was den Hörer etwa erwartet. Ob nun gewollt oder nicht, erzeugt es unterbewusst eine Erwartungshaltung.
Nun, schaut man sich die ersten beiden Alben "Folk Show" (2007) und "Rebels & Rovers" (2009) von The Sandsacks an, dominiert auf beiden das Band-Logo, in das der Slogan "Finest Irish Folk and Medieval Music" integriert ist, und beide sind in Farben gehalten, die man mit der grünen, nordischen Insel in Verbindung bringt. Passte alles, die oben gestellte Anforderung an ein Album-Cover war erfüllt, denn man bekam von der Band gut nachgewürzte und entstaubte Irish-Folk Traditionals auf die Ohren, dynamisch und tanzbar. Pure Lebensfreude, die The Sandsacks seit inzwischen 10 Jahren bald 1000-mal über die Bühnen brachten (ein Blick in den Band-Termin-Kalender auf ihrer Web-Site lässt mich immer über das Auftritts-Pensum staunen).
Mit "Far away" erscheint nun die dritte Platte und das "Gesicht" macht schon klar, hier ist einiges in Bewegung geraten. Das bewährte Logo taucht nur noch irgendwo im Booklet auf, denn, alle Folk-Puristen bitte aufatmen, natürlich verlassen The Sandsacks die Folk-roads nicht völlig. Schon mit dem Opener "Botany bay" oder "Home boys home" und "Irish rover" (und noch einige mehr) enthält auch "Far away" noch reinste Folk-Songs, nur sind sie noch etwas stärker gewürzt als für die Band bisher ohnehin schon üblich. Jetzt wird mehr gerockt und das tut den Songs hörbar gut.
Ein kräftiges Schlagwerk und amtliche E-Gitarren verpassen dem Album den Rock-Appeal der es ein gutes Stück von den Vorgängern abrücken lässt - ein Gewinn!
Und, da kommen wir zu den größten Erwartungshaltungen die beim Betrachten von "Far away" geweckt werden bevor man die 13 Songs zum ersten mal durchlaufen lässt, insgesamt sieht das alles mehr nach Rock-Band aus als bisher.
Der Schriftzug suggeriert schon "hier knackt es" und die sechs Herren (bisher waren The Sandsacks zu viert, aber die zusätzlichen Instrumente müssen ja schließlich bedient werden) schauen auch so als hätten sie mehr vor als nur den "Drunken sailor" zum Besten zu geben.
Die Hälfte der Songs auf "Far away" sind eigene Stücke und zwingen dem Hörer die Frage auf, warum sie das nicht schon früher gemacht haben? Facettenreich und ausgereift kommen die Eigenkompositionen daher, als hätten sie nie etwas anderes getan als griffige Rocksongs zu schreiben.
Schon der Titelsong rollt wuchtig in die Gehörgänge und setzt sich mit seinem kraftvoll, eingängigen Refrain fest - Ohrwurm-Gefahr!
Das nächste eigene Stück heißt "Life ain't nice" - Mag ja sein, der Song schon! Leichtfüßig und locker werden die Untiefen des Lebens besungen, dass man entgegen der Refrainzeile den Eindruck gewinnen könnte, dass das Leben eigentlich doch 'ne ziemlich schöne Veranstaltung ist.
Mit der dritten selbst verbrochenen Nummer möchte man schon dem sterbensschönen, melancholischen Violinen-Intro (wer bitte ist David Garret?) folgen und bereitet sich auf tiefsinnige Minuten vor. Doch nix da, Tiefsinn kommt später, jetzt wird getanzt. "Come on an dance" ist schon beinahe eine Nötigung zum Tanz!
Mit "Bannockburn" erteilen The Sandsacks eindrucksvoll Geschichtsunterricht in schwerstem Rocksound, einfach klasse! Die Schlacht von Bannockburn jährt sich 2014 zum 700. mal. Sollte ein Vertreter der "Scottisch National Party" die Nummer vorher hören, dann dürfte für die Sandsacks ein Ehrenplatz neben Sean Connery bei den Feierlichkeiten sicher sein...
Nicht unerwähnt bleiben darf die wundervolle Cover-Version vom Christy Moore Klassiker "Ride on" (geschrieben von J.MacCarthy). Wirklich magisch umgesetzt. In ähnlicher Stimmung lässt das Album den Hörer (die Hörerin natürlich auch und die selbstverständlich ganz besonders) mit dem eignen Song "In the fog" zurück, melancholisch schwer und doch kraftvoll und trotzig.
The Sandsacks sind mit ihrem dritten Album "Far away" ein gutes Stück gewachsen. Nicht nur personell und in der Repertoire-Breite, auch qualitativ. Das Album ist absolut rund (damit meine ich nicht die geometrische Form einer CD) und wirkt authentisch, weil es sich nicht mehr nur im Spektrum eines Genres bewegt.
Daß der Stil-Mix aus Irish-Folk und klar definiertem Rock so gut funktioniert, hat jüngst erst ein Gigant für sich entdeckt. Hört man auf dem erst kürzlich erschienenem Album "Wrecking ball" von Bruce Springsteen die Songs "Death to my hometown", "Shackled and drawn" oder "American land", könnte man fast meinen der Boss hat bei den Sandsacks nachgefragt ob sie nicht ein paar Songs für ihn übrig hätten...
Springsteen war mit der Platte wieder einmal in der halben Welt auf 1, aber auch wenn das den Sandsacks (vorerst) noch nicht gelingt, werden mit "Far away" die alten Fans glücklich sein und ganz sicher neue hinzugewonnen werden! In Scharen will ich wünschen!