"Fantômas - Ein Zug verschwindet" ist nicht zuletzt deswegen ein interessanter Krimi, weil er viel über die französische Trivialliteratur vor dem ersten Weltkrieg transportiert. Es ist ein Buch voller abscheulicher Verbrechen, einer Liebe zum Detail und einer Vernarrtheit in List und Dreitsigkeit, es ist auch ein Buch mit einem seltsamen Frauenbild.
Vieles von dem, was damals sicher eine erschreckende Wirkung erzielte, dürfte heute niemanden mehr groß beeindrucken. Dennoch sind manche Szenen auch heute noch wirksam, beispielsweise wenn es im Schachspiel zwischen Juve und Fantômas zu einer tragischen Szene kommt, in der eine Frau ihren Ehemann unwissend brutal erdolcht.
Am meisten muss sich der Leser sicher am Schreibstil gewöhnen. Dieser ist ungemein redundant und teilweise so einfach gehalten als wäre der Text für Kinder geschrieben. So wird oft auch das Offensichtlichste noch erklärt und benannt. Ohne diese Redundanzen und unnötigen Erklärungen wäre das Buch um einiges kürzer. Ebenfalls ist es etwas nervend, wenn Figuren durchgehend nicht namentlich, sondern durch einen Status benannt werden. So wird Helene fast immer als "Tochter von Fantômas" bezeichnet, was dazu führt, das auf manchen Seiten ein halbes Dutzend mal "Tochter von Fantômas" geschrieben steht.
Die Handlung selbst ist einem guten Krimi sicher angemessen. Rätsel, verschlungene Handlungen und viele Irrungen führen schließlich zu einer Auflösung. Dennoch handelt es sich um Trivialliteratur, die auch so hergestellt wurde: in einem Schnellverfahren. Immerhin musste jeden Monat ein Fantômasroman fertig werden. Ein literarischer Hochgenuss ist dieser Roman also nicht.
Wer Krimis mag, sich gerne in verschlungene Handlungen hineindenkt und vielleicht noch Geschmack an einem hundert Jahre alten Schreibstil findet, dem darf dieses Buch empfohlen werden. Für Leserinnen und Leser, die weniger Geschmack an Krimis finden, dürfte auch der Klassikerstatus, den die Fantômas-Romane inzwischen haben, kaum überzeugend sein.