Zur Warnung vorweg: (auch) dies ist KEIN eigenständiges Spiel sondern eine umfangreiche Erweiterung (die mittlerweile 4., Nummer 5 steht bereits in den Startlöchern...) zum komplexen Brettspiel "Arkham Horror", das den Lovecraft'schen Cthulhu-Mythos ins heimische Wohnzimmer bringt.
Vom Umfang her ist die Kingsport-Expansion mit der früheren Dunwich-Erweiterung zu vergleichen: Es gibt ein zusätzliches Spielbrett, neue Charaktere (8), neue Große Alte (4), neue Monster und noch ein paar optionale Zusatzregeln mehr.
Dies sind etwa Vortexe (s. u.) oder "Heralds", letztere schon bekannt aus der "King in Yellow"-Expansion, sowie "Guardians", die eine kleine Hilfe für Ermittler darstellen, quasi als Pendant zu den Heralds.
Ferner gibt es eine "Epic Battle"-Option für den Endkampf, die mit Karten den Endkampf in unvorsehbareren Bahnen lenkt (mit "Sudden Death"-Möglichkeit), sowie Regeln für schwimmende und ausweichende Monster - letztere muss man erst einmal aufspüren, um sie überhaupt angreifen zu können.
Als Bonus gibt es dann noch Errata bzw. Regelverdeutlichungen, die sich aber schon in früheren Publikationen finden.
Der Schauplatz Kingsport ist in Spielbrett und Ereigniskarten geradezu liebevoll eingefangen, mit dem Hafen, urigen Spelunken sowie dem ominösen und für Ermittler nur mühsam zu erreichenden Haus auf dem Kliff. Hinzu kommen, wie auf dem Dunwich-Brett, zwei neue Andere Welten mit eigenem Kartensatz, der auch für die weltlichen Locations auf dem Brett zur Verfügung steht. Auf dem Brett gibt es außerdem einen Ort an dem man sich heilen lassen kann, man kann Gegenstande verkaufen, Lebensmittel besorgen und an zwei Orten auch "Jobs" annehmen, ähnlich dem Deputy in Arkham.
Man kann Kingsport, wie schon Dunwich, als eigenen Zusatz zu Arkham Horror verwenden - es ist aber auch mit beiden kompatibel, wie auch mit den beiden Kartenset-Expansions! Allerdings nimmt dies dann flächenmäßig und hinsichtlich der Komplexität schon lächerliche Ausmaße an...
Als Gimmick sind alle Locations in Kingsport sicher - anders als in Dunwich öffnen sich dort keine Tore. Aber als "Ersatz" gibt es nun drei Vortexe, die technisch gesehen wandernde Risse im Raum-Zeit-Kontinuum sind, die Monster ausspucken und durch ihre Bewegung und schiere Präsenz den Grossen Alten ziemlich schnell "wachbimmeln", wenn sie nicht schnell und rechtzeitig verschlossen werden.
Richtig prickelnd sind die neuen Ermittlerfiguren - so gibt es einen professionellen Träumer (startet in den Traumlanden), ein Straßenkind (das sich nahezu unbemerkt durch die Straßen mogeln kann), einen Kopfgeldjäger (mit Elefantenbüchse, der seine Trophäen für zusätzliche Ausdauer nutzen kann), eine Martial-Arts-Kämpferin, die ihre Maxima für Ausdauer/Geistige Stabilität wie ein Fertigkeitspaar via Fokus manipulieren kann) oder den verfluchten Tropf, der schon mit Fluch beladen ins Spiel startet, dafür aber ausgleichende Vorteile bietet... sehr spannend und kreativ.
Die Großen Alten sind eine weitere sportliche Herausforderung, ähnlich den Gegnern aus der Dunwich-Expansion: Atlach-Nacha, Y'golonac, Eihort und Yibb-Tstll gegen sich ein Stelldichein. Tough!
So verwandelt Atlach-Nacha, der große Spinnengott, der das Netz zwischen den Welten webt (und dessen Diener, die Spinnen von Leng, auch ins Spiel kommen), alle sich öffnenden Tore automatisch in Monsterfluten! Nebenbei ist Atlach-Nacha auch im Endkampf nur schwer zu besiegen - es erfordert schon frühzeitige Planung udn Taktik, auf den Endkampf gut vorbereitet zu sein, sonst ist schnell (das absolute) Ende! Eihort impft alles und jeden mit seiner Brut, Yibb-Tstll ist umso stärker je mehr Hinweise die Ermittler beim Erwachen nicht aufgespürt haben, und Bücher jeder Art bekommen unter Y'golonacs Schlummer einen ganz neuen Reiz ;)
Das Fazit: einerseits eine nette, stimmungsvolle Erweiterung, die, wie die anderen Expansions auch, den Druck auf die Ermittlertruppe spürbar erhöht. Wem die Basis zu einfach ist - hier ist eien Option, wieder den Schweiß auf der Stirn zu spüren.
Aber dieser Thrill hat, wie auch schon bei den anderen Ergänzungen zuvor, seinen Preis - nämlich die weiter steigende Komplexität, unter der die Spielfreude durchaus leiden kann. Wer in dieser Hinsicht schon kein Freund des Basisspiels ist, sollte hiervon lieber ganz die Finger lassen!
So sind die Vortexe eine nette Idee, aber ihre Steuerung ist SO kompliziert und unhandlich, dass man diese Option am liebsten gleich wieder vergessen mag. Auch die "Epic Battle"-Optionen sind eine ähnlich zwiespältige Sache, über deren wirklichen Nutzen ich noch uneins bin - so gibt es für JEDEN großen Alten bislang (16 Stück) eigene Kartendecks...
Andererseits verdient der Schauplatz und seine Übetragung ins Spiel viel Lob, wie auch die neuen Ermittler und auch die Großen Alten, die weit raffinierter zu händeln sind als die "einfachen" Brocken aus der Basis.
Insofern gebe ich Kingsport insgesamt 3 Sterne - kein Meilenstein, keine Offenbarung, muss man nicht haben. Wie die anderen Expansions eher was für Hardcore-Fans des Spieles, die neue Herausforderungen suchen und keine Angst vor komplizierten Spielmechanismen haben ;)