ROGUE TRADER ist nach dem großartigen "Dark Heresy" das zweite Rollenspiel, welches im immens populären WARHAMMER 40000 Universum angesiedelt ist. Beide Spiele benutzen natürlich das gleiche System und sind untereinander kompatibel, ROGUE TRADER hat aber einen völlig anderen Fokus und ist thematisch gänzlich anders gelagert als Dark Heresy.
Man kann es mit wenigen Worten auf einen Punkt bringen - ROGUE TRADER ist qualitativ genauso hochwertig, aber thematisch ein völliger Kontrast zu "Dark Heresy".
In Punkto Aufmachung ist ROGUE TRADER ähnlich phantastisch wie Dark Heresy geraten: Hardcover, 400 Seiten, sehr umfangreiche und atmosphärische Hintergrundbeschreibung, tolle Bilder - einfach großartig! Man kommt nicht umhin, ein kaum zu schlagendes Preis-Leistungsverhältnis feststellen... Fantasy Flight Games liefert mal wieder exzellente Qualität ab, und ähnlich wie bei Dark Heresy bekommt der Käufer wirklich etwas für sein Geld geboten, wobei ROGUE TRADER gar nicht teurer ist als die meisten RPG-Regelwerke.
Inhaltlich gibt es mal wieder die kompletten Regeln, hier natürlich um all das erweitert, was zum Thema Raumschiffe zu schreiben ist - gleichzeitig finden sich Regeln für Raumschlachten, Handel und Massengefechte... es ist eben alles wesentlich epischer angelegt.
Tja, und worum geht es bei ROGUE TRADER? Anders als bei Dark Heresy, wo die Spieler Acolyten der Inquisition und letztlich Befehlsempfänger eines immens mächtigen Inquisitors sind agieren Charaktere in ROGUE TRADER viel (!) höher in der imperialen Nahrungskette. Rogue Traders sind in etwa mit den Freibeutern des 17. Jahrhunderts vergleichbar, die mit Kaperbriefen und Prisenerklärung ausgestattet die Meere durchstreiften... Entdecker, Piraten, Händler und mitunter Potentaten in Personalunion. Im eher konformistischen Imperium sind Rogue Traders die mächtigen Glücksritter, die Individuen, die aus der Struktur ausbrechen und sich zu neuen Grenzen aufmachen.
Während also bei "Dark Heresy" der Dienst am Imperium und an der Inquisition im klaren Focus der meisten Stories steht und die Charaktere am deutlichsten prägt ist es bei ROGUE TRADER die Freiheit und das Agieren jenseits von Grenzen, welches die Stimmung des Settings bestimmt.
Die Spieler bei ROGUE TRADER verkörpern die Kernbesatzung eines Rogue Trader Schiffes - im Idealfall ist einer von ihnen "der" Rogue Trader, ein Abkömmling einer mächtigen und jahrtausendealten Dynastie, während der Rest der Spieler seine wichtigsten Vertrauten darstellt, die alle auf ihrem Gebiet unersetzbar für das Rogue Trader Unternehmen sind... in etwa kann man das mit einer sehr dem Gothic SF Hintergrund angepassten Star Trek vergleichen: ein Schiff, ein Captain, die Brückencrew.
Jetzt kommt so ein bischen der Punkt, der so manche Spieler und Spielleiter (vor allem!) etwas irritieren könnte: die Machtfülle - als Beispiel mag das Schiff dienen. Wir reden hier nicht von einem Schiff wie meinetwegen dem Millenium Falcon oder der Serenity, eben einem überschaubareren Vehikel, sondern von einem jahrhundertealten Raumschiff aus dem Warhammer 40000 Universum... also ein gigantischer Leviathan, der gerne mal 2 Kilometer lang ist und zehntausende (!) Besatzungsmitglieder hat. Ein Star Wars Sternzerstörer mag eine sinnvolle Analogie sein, die Spieler bei ROGUE TRADER verfügen somit von Anfang an über eine Machtfülle, die in den allermeisten Rollenspielen sicherlich nicht vorgesehen ist. Insofern kann man ROGUE TRADER ein kleines bischen mit Rollenspielen wie "Pendragon" oder auch "Birth Right" vergleichen, es ist allerdings noch extremer - Spieler verkörpern zu Beginn nicht die Underdogs, die sich bewähren müssen, sondern sind gleich herausragende Individuen.
Dies kann, je nach Gruppe, mitunter fraglos problematisch werden - einfach weil Spieler die immensen Ressourcen in einer Art und Weisen nutzen können, die aus anderen SF-Rollenspielen bekannte normale Abenteuer ziemlich schwer macht.
Aber andererseits: für "normale" Abenteuer ist ROGUE TRADER auch nicht gedacht, sondern für extrem epische Geschichten über große Expeditionen... und Spieler sollten hoffentlich auch realisieren, dass es für die Story sehr langweilig ist, wenn der "Captain" nur auf der Brücke hockt und Befehle gibt, weil er sich weigert, sich auch mal selbst in Gefahr zu begeben. Mit echten Power Gamern sollte ROGUE TRADER also definitiv problematisch und extrem nervig werden... aber andererseits, mit diesen Kollegen nervt ja jedes Rollenspiel.
Insgesamt ist ROGUE TRADER, genau wie "Dark Heresy" oder das gesamte Warhammer 40000 Universum, einfach ein Fall für sich - kein 08/15 Hintergrund, welcher sich letztlich nur in Nuancen von Dutzenden anderer unterscheidet, sondern ein sehr eigenes Spielerlebnis und ein angenehmer Kontrast zu vielen anderer Spielen. Deswegen womöglich nicht jedermanns Sache, man muss schon Lust auf große Epen, gewaltige Expeditionen und mächtige Dynastien haben... dann ist ROGUE TRADER aber genau richtig!
Alles in allem großartig präsentiert, qualitativ hochwertig, originell und einfach sehr eigen - und ein toller Kontrast zu "Dark Heresy". Die Reihe von Rollenspielen im Warhammer 40000 Universum wird also phantastisch fortgesetzt!