Seit der rapiden Entwicklung in den letzten Jahren, u. a. durch die Herr-der-Ringe-Filme und Harry Potter, ist Fantasy in Film und Literatur zu einem wichtigen Bestandteil der Populärkultur geworden. Bisher gibt es allerdings erst eine vergleichsweise geringe Anzahl theoretischer Betrachtungen und interpretierender Erklärungen, und die wenigsten davon sind allgemein verständlich. Mit diesem Buch wird diesem Mangel abgeholfen.
Frank Weinreich, promovierter Philosoph und Autor zahlreicher Beiträge zu Fantasy und und einiger Bücher zu Tolkien, liefert in vier Teilen eine Einführung in den Begriff und die Geschichte der Fantasy. Einer Definition von Fantasy folgt eine Betrachtung des Verhältnisses von Fantasy und Mythos, dann ein Überblick über Geschichte, Spielarten und Persönlichkeiten des Genres sowie schließlich die interpretierende Beschreibung dreier paradigmatischer Beispiele der Fantasy.
Der erste Teil mag für manche der spannendste sein, gab es doch bisher zwar schon viele Versuche, das Genre zu definieren oder einzugrenzen, aber kein allgemein akzeptiertes Ergebnis. Weinreich könnte diese Akzeptanz mit seiner so vorher nirgendwo entwickelten Definition erreichen, die sich auf das Übernatürliche als zentrales inhaltliches Erkennungsmerkmal des Genres konzentriert. Demnach gehört zum Genre der Fantasy jede fiktionale Erzählung ' inkl. Film, Musik, bildende Kunst (einschließlich Comics) und Spiele (Computer-, Brett- und Rollenspiel) ', die das Übernatürliche als Handlungsbestandteil aufweist. Weinreich zeigt, dass dies meist durch drei charakteristische, ebenfalls auf der inhaltlichen Ebene zu findende Motive in Szene gesetzt wird: durch das für die Geschichte konstitutive Vorhandensein von Heldinnen und Helden, eine imaginäre Welt als Haupthandlungsort (diese kann auch der realen Welt entspringen) und die Magie als für die Erzählung selbstverständliches Faktum. Im weiteren Verlauf liefert Weinreich eine weite und eine enge Definition der Fantasy.
Im zweiten Teil des Buches führt Weinreich in die Gedankenwelt der Mythologie ein und zeigt, wie die Fantasy dem mythischen Denken entsprang. Sehr schön sind seine Darlegungen über den (Schein-)Konflikt von Mythos und Logos, von epischem und Vernunftwissen, und über die Bedeutung der Mythen in der heutigen Zeit und für die moderne Gesellschaft.
Der dritte Teil des Buches bietet einen Abriss der Geschichte der Fantasy, wobei der Schwerpunkt wie in der realen Entwicklung des Genres auf Büchern liegt, auch wenn Filme und Computerspiele berücksichtigt werden. Gut sind Weinreichs Hinweise auf die enge Verbindung der Literatur und ihrer Entstehungssituation und -geschichte, an denen er immer wieder zeigt, dass die imaginären Welten der Fantasy unablösbar von der realen Welt entstehen und immer auch als »Kommentar« zur Realität verstanden werden sollten, wie Tolkien es einmal formulierte. Auch darin wird die Ähnlichkeit der Fantasy zum Mythos deutlich.
Mit Verweis auf die mittlerweile befriedigende Anzahl von Fantasybibliographien und -enzyklopädien verzichtet Weinreich bewusst auf eine vollständige Darstellung der Fantasygeschichte und hebt stattdessen wichtige Werke des Genres im Zusammenhang mit ihrer Entstehungszeit hervor ' eine gezwungenermaßen subjektive Auswahl, die nicht unbedingt dem Geschmack der Leserin oder des Lesers entsprechen muss, aber auf jeden Fall interessant ist. Ähnliches gilt für die Auswahl der drei Werke, anhand derer Weinreich im vierten Teil seines Buches exemplarisch Hintergründe und Mechanismus aufzeigt. Sie gehören im Hinblick auf den Inhalt und/oder ihre Wirkungsgeschichte zu den wichtigsten Werken des Genres, und ihre Interpretation durch Weinreich ist auf jeden Fall lesenswert. Anhand von Tolkien (Mittelerde), Le Guin (Erdsee) und McKiernan (Mithgar) zeigt Weinreich, wie in der Verbindung von packender Unterhaltung, brillantem Erzählstil und der instruktiven Darstellung aktueller realweltlicher Sachverhalte und Probleme Fantasy Emotion und Intellekt gleichermaßen anzuregen vermag.
Weinreich verspricht uns zu Beginn, das »Phänomen Fantasy zu beleuchten und seine wesentlichen Bestandteile offen zu legen und zu diskutieren« sowie die »potenzielle Tragweite der phantastischen, märchenhaften Welten, die von unzähligen Autorinnen, Regisseuren, Spielerinnen und Rezipienten der Fantasy er- und gelebt wird, in ihrer Bedeutung für das Publikum von Fantasy als ernsthaftes Spiel aufzuzeigen, das eine positive Bedeutung in der realen Lebensführung der Rezipienten und Rezipientinnen erlangen kann«. Dies ist ihm mit diesem sehr lesenwerten Buch absolut gelungen.