Kurzversion:
Das Buch bietet auf gut 100 Seiten eine Einführung in die Grundbegriffe des Nähens und eine Auswahl von Vorlagen, welche jeweils mit Arbeitsschritten erklärt werden. Dazu als Anhang einen knappen Essay über Kleidung im Mittelalter, sowie Glossar, Index, Literaturtipps, etc.
Für absolute Nähanfänger, die eine Gewandung für ihr erstes Larp nähen wollen ist das Buch m.E. (eingeschränkt) zu gebrauchen. Eingeschränkt, da das Buch komplett auf anschauliche Fotos verzichtet, die für einen absoluten Anfänger sehr hilfreich wären. Die Auswahl der vorgestellten Kleidungsstücke stellt hingegen einen guten Querschnitt durch einfache, historisch-orientierte Larp-Gewandungen dar. (Z.b. Elfengewandunden fehlen völlig). Die teilweise sehr einfachen Skizzen (echte Schnittmuster wie die von Burda sind nicht enthalten) fordern dem Anfänger jedoch etwas mehr ab.
Für Personen mit grundlegender Näh-Erfahrung bietet das Buch hingegen allenfalls noch im Detail ein Aha-Erlebnis. Die Schnitte sind in der Regel so einfach gehalten, dass sie sich auch mit etwas nachdenken selbst entwerfen lassen würden. Dazu kommt, dass wer etwas sucht, im Internet schnell dieselben und ähnliche Schnittmuster in Hülle und Fülle findet.
Kurzum: Für Anfänger nicht wirklich optimal, für Personen mit Erfahrung und etwas Geduld beim Suchen schnell überflüssig. Zugreifen sollte man, wenn man den Komfort eines Buches schätzt. Wer hingegen aufs Geld achten muss ist mit einem Buch welches in die Grundlagen des Nähens einführt und einer Suchmaschine besser bedient. Das Buch ist definitiv kein must-have für den Larper.
Längere Version:
24 Seiten Einführung in die Grundlagen des Nähens: Die mögen ihre Berechtigung haben - immerhin lautet der Titel "Fantastische Gewandungen SCHNEIDERN". Wer nähen kann, braucht diesen Teil nicht unbedingt. Für Anfänger ist er wie oben gesagt eingeschränkt brauchbar. Es fehlen wichtige Fotos, die einzelne Arbeitsschritte klar nachvollziehbar machen. Zwar kann mit intensiver Lektüre verstanden werden, was die Autorin möchte, aber wer das erste Mal an einer Nähmaschine sitzt könnte trotzdem aufgrund der wenig anschaulichen Anleitung in Frust geraten. Hier wird das Ziel Anfängern eine Einführung zu geben m.E. teilweise verfehlt.
50 Seiten Vorlagen: 21 Vorlagen bietet das Buch. Die Auswahl ist vielfältig. Oberteile, Kopfbedeckungen, Beinbekleidung, Kleider und Mäntel werden jeweils auf ein bis drei Seiten Seiten erklärt. Die einzelnen Arbeitsschritte werden erläutert. Wenig hilfreich sind hier aber wieder der Mangel an Skizzen und Fotos. Meist reicht es nur für eine Vorlage, in welcher Angaben für das Ermitteln der Maße gegeben werden. Für Anfänger ist das schnell zu wenig. Wer Nähen kann hat damit zwar keine Probleme, wird sich dann aber eher an der Einfachheit der Schnitte stören.
Ein absolutes Manko ist das Fehlen "echter" Fantasy-Gewandungen: Die Auswahl der Kleidungsstücke bietet genug um die Bevölkerung eines Ortes darzustellen. Wo aber das "Fantastische" ist erschließt sich mir nicht. Allenfalls mag es darin liegen, dass die Schnitte nicht historisch korrekt angelegt sind und in ihrer Optik dennoch larptauglich sind. Für einen Larp-Anfänger der den Schnürhemd-Lederhosen-Fauxpas vermeinden will sicher toll. Wer aber auf Vorlagen für Elfengewandungen (immerhin die beliebteste Fremdrasse im Larp) hofft, wird enttäuscht. Unter "Asia-Kleid" reicht es gerade mal für den Hinweis, dass dieses doch eine Elfengewandung abgeben könne.
Auch fehlen Vorlagen für einen Wappenrock (m.E. gerade für Anfänger sehr wichtig) und eine einfache Mönchskutte. Sicher: Wer anhand dieses Buches arbeitet wird nach kurzer Lernphase diese Stücke vermutlich selbstständig anfertigen können - das gilt aber auch für fast alle anderen Stücke dieses Buches. Für mich ein klarer Missstand.
Ebenfalls hätte es diesem Teil des Buches nicht geschadet, wenn man die vorgestellten Stücke in Anfänger und Fortgeschrittene geteilt und letzteren Teil etwas ausgebaut hätte: So wären z.B. mehrteilige Gewandungen ein echter Gewinn gewesen. So bleibt es bei einzelnen Stücken. Leider lässt das Buch ernsthafte Vorschläge für die Kombination der Teile vermissen. Zwar gilt hier, dass die meisten Stücke irgendwie zusammenpassen, aber gerade die Komposition macht hier einen wesentlichen Teil der Gesamtwirkung aus. Erläuterungen zu Farben finden sich immerhin im angehängten Essay. Hier werden zumindest Grundregeln der Heraldik erläutert, sowie der Umgang mit Farben im Mittelalter kurz angerissen.
Daher gilt auch für diesen Abschnitt, dass deutlich mehr möglich gewesen wäre.
5 Seiten Essay: Der Ehemann der Autorin (studierter Historiker) umreißt in dem knappen Essay die Bedeutung von Kleidung, ihrem Schnitt und ihrer Farbe im Mittelalter. Für Personen ohne Vorkenntnisse sicher interessant. Für mich blieb aber der fade Beigeschmack, dass der Essay wie ein Versuch wirkt, dem Buch noch irgendeinen verknüpfenden Rahmen zu geben, der diesem ansonsten fehlt. Das "Fantastische" kommt dabei wieder zu kurz: Erwähnt werden zwar Zauberer (Buch: von denen man eigentlich nicht weiß wie sie ausgesehen haben könnten), Xena (Buch: die nur dazu dient das Thema Züchtigkeit bei Frauenkleidung einzuleiten) und zuletzt nochmal nichtmenschliche Wesen, bei denen es sich aber auf die Feststellung beschränkt, dass es die im Volksaberglauben schon ziemlich lange gibt... Man mag es sich denken können: Auch hier wieder die Chance verpasst. An dieser Stelle wäre Raum gewesen sich über die Frage Gedanken zu machen, warum die Herr-der-Ringe-Gewandungen so unverschämt gut aussehen (Schichtenprinzip!), das Kleidung praktisch sein soll (mit Beispielen), wie die Farbwahl für eine Elfen- oder Zwergengewandung aussehen könnte, etc. Kurz: Der Titel des Buches hält auch hier leider kaum was er verspricht.
Anhänge: Glossar und Index sind gut. Die Liste mit Internetadressen mit 4 Einträgen ist eher ein schlechter Scherz. Das ausführliche Inhaltsverzeichnis ist schon fast verschenkter Platz.
Layout: Der Schrifttyp ist in Größe und Lesbarkeit gut gewählt. Der einfache Schmuckbalken jeweils am unteren Ende der Seite hübscht das Buch optisch auf. Problem bleibt aber das Fehlen von Fotos und die für meinen Geschmack zu spärlich vorhandenen Skizzen. Wirklich ärgerlich sind jedoch die viel zu häufigen weißen Flächen. Im Vorlagenteil wurden an vielen Stellen Seiten zur Hälfte oder zu zwei Dritteln (in zwei Fällen sogar zu mehr als drei Vierteln) einfach weiß gelassen. Sicher: Es ist übersichtlicher, wenn ein neues Muster auch auf einer neuen Seite beginnt - trotzdem hätte man diesen Platz sinnvoll nutzen können. Etwa mit den angesprochenen Fotos oder auch mit Vorschlägen für konkrete Variationen der Vorlage. Hier wird in einem ohnehin schon eher dünnen Buch, in welchem sich zuviele Mängel in Sachen Information finden noch einmal großzügig Platz verschenkt.
Fazit: Wie bereits in der kurzen Version angesprochen, ist dieses Buch für Anfänger und Personen, die gern ein Buch in der Hand halten sicher geeignet, wenn auch noch lange nicht perfekt. Es finden sich zuviele Dinge die stören. Da das Buch inzwischen in der zweiten Auflage (2010er-Version) vorliegt, hätte hier noch einmal nachgearbeitet werden können. Für 20 Euro ist es m.E. zu hoch bepreist. 12 Euro wären völlig in Ordnung gewesen.
Ich werde das Buch dennoch behalten, da ich diese Sammlung an einfachen Vorlagen immer noch als brauchbar erachte und in der Lage bin sie selbstständig zu variieren. (Außerdem habe ich die Schutzfolie abgerissen in der das Buch geliefert wird - ein Schelm der Böses dabei denkt).
Meine Wertung: Für Anfänger ist das Buch sicher drei Sterne wert. Für mich eher nur 1,5 Sterne. Daher 4,5/2= 2,25 = 2 Sterne für ein Buch, dass Erwartungen weckt und sie dann leider nicht halten kann.