Das ist sicherlich mit Abstand die bisher beste CD von Yuja Wang. Eigentlich hatte ich schon früher erwartet, dass das ihre Debüt-CD werden würde. Bekannt wurde mir Yuja Wang nämlich schon vor ihrem Debüt bei der DG, wie sicher vielen anderen auch, durch Ihre spektakulären Youtube-Videos, vornehmlich von hochvirtuosen Transkriptionen. Ihr bekanntester Clip war eine Aufnahme der Volodos-Paraphrase über den türkischen Marsch. Zu diesem Zeitpunkt war Arcadi Volodos praktisch "im Ruhestand" - er war und ist auch heute natürlich noch aktiv, allerdings hat er den mit seinem Debütalbum eingeschlagenen Weg, hochvirtuoses Repertoire der Romantik und Spätromantik - dabei oft extrem selten gespielte Transkriptionen, verlassen und spielt praktisch nur noch "ernstes" und meiner Meinung nach auch teilweise langweiliges Standardrepertoire, vor allem Brahms, Schumann und Schubert (* Anmerkung siehe unten). Daher habe ich natürlich erwartet, dass Yuja Wang in diesem Sinne die Nachfolge des jungen Volodos antritt. Entsprechend war ich von den ersten drei CDs enttäuscht: absolute "08-15" Werke die irgendwie jeder neue trendige Teeniestar, der bei DG oder Sony unter Vertrag steht, aufnimmt. Allerdings hat man in ihren Konzerten schnell einen deutlichen Unterschied zwischen Yuja Wang und ihren (teilweise zu unrecht in den Himmel gelobten) Kollegen bemerkt: Yuja Wang spielt nicht lediglich schnell und laut, sie spielt auch schnell und leise, wunderbar lyrisch, hat einen fantastisch weichen Anschlag, spielt unglaublich dynamisch, beherrscht das Pedalspiel wie kein zweiter und hat ein unglaubliches "Jeu perlé" - hinter dem durch die DG etwas überstrapaziertem Image des sexy Vamp steckt also auch eine echte Virtuosin erster Güte, eine echte Musikerin. Diese Qualitäten wurden und werden besonders in den Zugaben deutlich, wo auch auffallend oft - in bester Volodos Manier - Horowitz Transkriptionen zu Gehör kommen. Die vorliegende Aufnahme ist eine Sammlung solcher Zugaben und ist damit für mich persöhnlich eine Offenbarung. Hier ist Yuja Wang zu Hause und hier kommen die Liebhaber von Repertoire abseits der ausgetretenen Pfade voll auf ihre Kosten.
Doch warum diese schwache Bewertung, wenn mich diese CD doch so begeistert? Nun, ich bin etwas zwiegespalten. Den Genuss trüben ein paar technische Ungenauigkeiten. Eigentlich bin ich ganz und gar nicht einer, der auf jeden kleinen Fehler mit dem Finger zeigt, allerdings gibt es hier einen ziemlich groben Fehler und das ausgerechnet bei einem meiner absoluten Lieblingsstücke, dem Horowitz Upgrade der Liszt Transkription des "Danse Macabre": hier fehlt ein kompletter Teil, Yuja Wang lässt die lyrische mezzo-forte Reprise des Hauptthemas beginnend in Takt 396 (das ist 5:40 auf meinem CD-Player) weg und macht weiter mit Takt 431. Das sind zwei ganze Seiten Noten, was über einer Minute fehlender Musik entspricht. Ich frage mich, ob das mit Absicht gemacht wurde, oder es sich um einen komischen Fehler beim Abmischen handelt...
* Anmerkung zu meiner Verteidigung: es ist prinzipiell nichts verwerklich daran, dieses Repertoire zu spielen. Allerdings ist diese Musik meiner Meinung nach stark überrepräsentiert, fast jeder spielt diese drei Komponisten. Da ist es fraglich, ob selbst ein Volodos überhaupt noch einen signifikanten Beitrag zu deren Diskogarphie liefern kann. Wäre es nicht spannender, von Volodos die Feinberg Transkriptionen der Tschaikovsky Symphonien zu hören, anstelle der einmillionsten Einspielung der Kinderszenen?