Eines voraus geschickt: wer diesen Film mit den Augen der Logik anschaut, wird ihn nicht lieben. Es gibt so viele Löcher im Plot, dass man kopfüber hindurchfallen könnte, und einige der Actionsequenzen im zweiten Teil sind geradezu lachhaft. Ein Schurke wird mit einem Revolver erschossen, und als Folge schmiert der Helikopter, in dem er sitzt, sofort ab und geht in Flammen auf? Äh - nein. Ein zweiter Heli explodiert, weil jemand mal reichlich ungezielt mit der Uzi darauf ballert? Quatsch.
Lässt man aber die Drehbuchschwächen außer acht, dann handelt es sich um eine wunderbare Liebesgeschichte, die einen packt und bis zum Schluss nicht mehr los lässt. Kajol kehrt nach fünf Jahren Leinwandabstinenz ins Kino zurück, und sie tut es mit Pauken und Trompeten. Ihre blinde Zooni ist wunderschön, leidenschaftlich, dickköpfig und selbst dann noch glaubhaft, wenn die Handlung ihr Dinge zumutet, die eigentlich nicht funktionieren dürfen. (Behütete Jungfer aus Kaschmir verliebt sich in charmanten, aber reichlich geheimnisvollen Reiseführer und beschließt nach gerade mal acht Tagen, ihn zu ehelichen - mit dem Segen ihrer Eltern? Um Gottes Willen.) Kirron Kher und Rishi Kapoor spielen trotz aller Unlogik dieses Elternpaar überaus herzerwärmend, die anderen Nebenrollen sind ebenfalls liebevoll besetzt (Tabu als Anti-Terror-Ermittlerin kommt erfrischend sachlich, effizient und unglamorös daher). Und damit sind wir bei Zoonis großer Liebe angelangt, besagtem Reiseführer. Der in Wirklichkeit gar keiner ist, sondern - ach du lieber Schreck - ein Terrorist aus Kaschmir, der mittels Mordanschlägen und gar einer Atombombe (!) für die Unabhängigkeit seines kleinen Landes streitet.
Das hätte furchtbar ins Auge gehen können, wäre der Regisseur nicht so klug gewesen, Aamir Khan zu fragen, ob er er bereit wäre, den zwischen terroristischer Pflicht und Liebe zerrissenen Helden zu mimen, und wenn der sich nicht tatsächlich auf dieses Abenteuer eingelassen hätte. Zu sehen, wie er aus dem zwielichtigen Rehan unendlich mehr herausholt, als das schlampige Skript eigentlich hergibt, wie er diesen Charakter zum Leben erweckt und jede Empfindung mit Augen, Mimik und Körpersprache glasklar vermittelt, das ist phänomenale Schauspielkunst (Tipp: Unbedingt im Original gucken, Aamir Khans Stimme ist eine Offenbarung!)
Schon in der ersten (ziemlich konventionellen) Hälfte des Films macht er die Gefahr, die hinter der Maske des gutgelaunten Hallodri lauert, immer wieder spürbar. Dass Rehan sich verliebt, ist eindeutig nicht geplant und jagt ihm eine Heidenangst ein. Und in der zweiten Hälfte von "Fanaa", in der er sieben Jahre später im winterlichen Kaschmir versucht, seinen letzten Auftrag auszuführen, wirkt er desillusioniert und erschöpft, ausgehöhlt von seinen eigenen Verbrechen. Durch Aamir Khan und seine sensationelle Leinwand-Chemie mit Kajol wird "Fanaa" zu einem Wunder. Die Lieder "Dekho Naa" und vor allem "Meere Hath Mein" sind bewegende, herrlich sinnliche Duette von leidenschaftlich Liebenden und unglaublich gut inszeniert, die tragisch schöne Geschichte wird trotz aller Mankos wunderbar "erwachsen" erzählt bis zum (vorhersehbar) bitteren Ende.
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es ein zweiter Film für das Paar Aamir Khan/ Kajol, und sei es, um noch einmal mit ansehen zu dürfen, wie gut zwei gereifte, überaus fähige Schauspieler (hoffentlich mit einem besseren Drehbuch) miteinander harmonieren können. Die Bollywood-Fangemeinde hat normalerweise Shahrukh Khan und Kajol im Auge, wenn sie vom ultimativen indischen Movie-Traumpaar spricht, aber trotz aller erfolgreichen und gelungenen Filme dieser beiden hat (abgesehen - natürlich - von "My Name is Khan") keiner mich so gerührt und aufgewühlt wie "Fanaa". Mehr davon, bitte!