Ja ja. Es gibt nur zwei Sorten von Menschen: die, welche Björk nichts, aber auch gar nichts abgewinnen können und jene anderen, die ohne nicht mehr können und wollen.
Mich jedenfalls hat Björks Musik seit ihrem "Debut" 1993 begleitet wie keine andere. Kaum, daß ein neues Album nur angekündigt war, setzte und setzt nach wie vor die Vorfreude auf diese zukünftige Fortschreibung meines höchst eigenen Lebenssoundtracks ein, den ich sicher mit vielen anderen teilen darf. Das Unglaubliche geschieht jedesmal - kaum liegt die neueste CD im Player und fängt an zu spielen, ist man schon wieder gebannt, überrannt, konsterniert und erschrocken, fasziniert und mitgerissen von der unglaublichen Neuheit und Schönheit der Klänge und Stimmungen.
Wer nach "Post" bzw. "Telegram" zum ersten Mal "Homogenic" einlegte, weiß wohl, wovon ich berichte.
Doch diesmal Flaute. "Family Tree" will und kann ja auch gar nichts anderes sein als ein musikalischer Stammbaum - auch die bisher "unerhörten" B-Sides und Erstveröffentlichungen sind nicht ohne Grund so niemals auf einem Album erschienen. Sie sind Marginalien, Randbemerkungen, manchmal kleine Miniaturen, die tatsächlich das große musikalische Bild ergänzen. Aber ihnen fehlt doch zumeist die Kraft, ohne den Kontext von "Family Tree" zu bestehen.
Letztlich ist der Stammbaum kein ehrgeiziges Projekt, sondern scheint vielmehr Produkt der - wie ich finde - äußerst ärgerlichen Veröffentlichungspolitik ihres Hauslabels One Little Indian Records zu sein. Man weiß sehr wohl darum, daß Björks Fans bereit sind zu investieren, wenn es darum geht, neues Material zu bekommen. So erscheint in der Regel jede Singleauskopplung in bis zu drei verschiedenen Zusammenstellungen, die jeweils andere - leider Gottes durchaus begehrenswerte - B-Sides enthalten.
Ein Fan im Wortsinne wird arm dabei, wenigstens die landeseigene Sammlung seiner Devotionalia zu komplettieren - ich vermute eine wahrhaft komplette Sammlung dürfte nur in den Archiven von One Little Indian selbst existieren.
Und so ist das mit "Family Tree": wer es haben muss, weil er schon alles hat - bitte! Er oder sie wird Altes im neuen Gewande hören können. Allen anderen, die nicht sämtliche Alben ihr eigen nennen, empfehle ich zuerst einmal diese Sammlung zu komplettieren (zum Mitschreiben: Debut, Post, Telegram (als Remixalbum von Post dennoch sehr empfehlenswert), Homogenic, SelmaSongs und Vespertine). Damit hätten sie einen Stammbaum, der den Namen eher verdient, und in der jeweils eigenen Geschlossenheit der großen Alben-Zweige ein vielseitigeres und doch verständlicheres Bild zeichnet. Die besten Versionen finden sich dort.