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Unter der Schicht eines Entwicklungsromans zweier Schwestern verbirgt sich ihr eigentliches Thema: Inmitten eines Volkes von Tätern und Mitläufern scheint für eine deutsch-jüdische Familie im Jahr 1967 so etwas wie Normalität nur durch Verdrängung möglich. Mutter Alma, aufgrund ihrer Ehe mit dem Deutschen Paul dem KZ nur knapp entronnen, wurde in der Folge zum traumatisierten Bollwerk gegen eingebildete und tatsächliche Anfeindungen. Dass dies alles bei Viola Roggenkamp im luftigsten Unterhaltungston stattfindet -- macht es nur umso unerträglicher. Böse sensibilisiert, erkennt der Leser den noch immer funktionstüchtigen Herrenmenschen in der Maske des Biedermannes. Den boshaften Lehrer Wilhelm Bobbenberg, der vor der Klasse ungeniert Fanias Rechtschreibschwäche lächerlich macht; die Beamten mit "Messerscheitel", deren "Schnauzen" Alma Schiefer nur zu gut kennt.
Wie eine Löwin wacht die von den Gräueln der Vergangenheit Traumatisierte über Wohl und Wehe ihrer Töchter. Für Fania und Vera gerät ihr Heim zu einer Art Gefängnisaufenthalt mit Freigang und Besuchserlaubnis. Die kindliche Perspektive ist das eigentlich Kühne in Roggenkamps thematischem Ansatz. Wieviel "deutsche" Normalität ist den Nachkommen von Nazi-Opfern gestattet, wie tief sind sie vom grausamen elterlichen Schicksal geprägt -- und wie sehr eigener Erfahrungen beraubt! Mit poetischer Kraft und verblüffender Bildsprache hat Viola Roggenkamp ihre Sätze von der Suche nach einer jüdischen Identität und dem sexuellen Erwachen zweier junger Mädchen aufgeladen. Die Feministin Roggenkamp, auf zahlreichen publizistischen Feldern tätig, hat den Roman ihres Lebens geschrieben. Ein Werk von verstörender und magischer Anziehungskraft. --Ravi Unger
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Und diese Familie unterscheidet sich insbesondere dadurch von anderen Familien weil die Mutter als Jüdin im Konzentrationslager eingesessen hat. Ihr Ehemann hat in all diesen Jahren immer zu ihr gestanden, sich für sie eingesetzt und hat ihretwegen auch eine Zeit im Gefängnis verbracht. Nach dem Ende des Krieges wurden die beiden Töchter geboren. Neben den beiden Mädchen lebt auch noch die Großmutter mütterlicherseits in diesem Haushalt. Zärtlichkeit und Liebe, Wärme und Herzlichkeit haben in dieser Familie oberste Priorität. Man will sich tagtäglich immer wieder Liebe schenken, weil man an die Zeit denkt in der man soviel Leid ertragen hat. Und man hält auch in allen Lebenslagen mehr zusammen als das in anderen Familien der Fall ist. Der Familie gehört die ganze Liebe der Mutter.
Man gewinnt den Eindruck, dass diese Mutter, die die schlimmen Jahre im Konzentrationslager gerade so überlebt hat, ihre Entbehrungen nie vergessen hat, die beiden Töchter mit Liebe erdrückt und sie auf diese Weise unbewußt daran hindert sich im Leben zu entfalten. Sie will rund um die Uhr für sie als Schutzengel da sein, weil sie Angst hat und dieser Welt da draußen, außerhalb ihrer Familie, zutiefst misstraut. Die Mädchen haben so keinerlei Chance sich zu entwickeln, wie das bei gleichaltrigen Kindern der Fall ist. Wenn sie sich bei Ihrer Heimkehr verspäten, seien es auch nur wenige Minuten, dann herrscht schon größte Aufregung, ja fast panische Sorge. Das Leben wird im Laufe der Zeit für die Töchter immer erdrückender. Diese Art von Beklemmung kann man als Leser deutlich nachempfinden.
Erfrischend und überschäumend vor Humor und Heiterkeit schildert die Autorin Episoden in dieser Familie die beim Leser den Eindruck erwecken, dass in dieser Familie alle Personen etwas verrückt sind, Beim Umgang mit Geld und den simpelsten Anforderungen des Alltags scheinen sie total überfordert zu sein. Nur mit der „Liebe", damit wo die meisten anderen Menschen ihre Probleme haben, kommen sie nachweisbar ausgezeichnet klar. Die Komik macht einer sanften Heiterkeit Platz, die zumindest eines nicht tut - den Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben.
Wenn man bei der vertieften Lektüre dieses Romans mit diesen beiden Mädchen lachen und weinen kann, spätestens dann taucht man ganz tief in dieses „Familienleben" ein und begreift sehr schnell wie unendlich schwer es doch gewesen sein muss mit einer solchen Familiengeschichte, in den 60 er Jahren zu überleben. Denn in dieser „Nachkriegszeit" waren sicherlich noch untergründig erhebliche Erinnerungen an den Antisemitismus und die Hitlerzeit vorhanden.
Es ist ein wunderbares, sensibles Buch, was in vielen Passagen auch für die jüdische Erzähltradition steht. Man mag es nicht aus der Hand legen und ist traurig wenn es denn zu Ende gelesen ist. Deshalb meine Empfehlung: Das „Familienleben" kann man auch in kleinen Dosen zu sich nehmen. Langsam. Am besten in den kleinen Stunden, im schwachen Schein der Abenddämmerung.
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