Wie erträgt ein Sohn, dass der Vater ihn abtreiben lassen wollte? Wie hält er aus, dass seine um ein Jahr ältere Schwester vom Vater zärtlich geliebt, er selbst aber zurückgewiesen oder ignoriert wird? Wie verkraftet er, dass sein eigener Sohn später vom (Groß)Vater all die Liebe bekommt, nach der er sich zeitlebens vergeblich gesehnt hat?
Michael Mann, genannt Bibi, jüngster Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, versucht Jahrzehntelang, die Lieblosigkeit seines Über-Vaters auszuhalten und die erschreckende Kälte seiner Mutter zu ertragen, deren Leben sich einzig um den Ehemann dreht. Als Kind quält er die Familie mit hilflosen Wutausbrüchen, als Teenager schlägt er zu, wenn ihn der Jähzorn übermannt, als Erwachsener will er die Verzweiflung mit Alkohol und Tabletten betäuben - vergeblich.
Als Bibi, auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Mutter, die Tagebücher des Vaters herausgeben soll - 20 Jahre nach dessen Tod - muss er dort lesen, wie ungewollt und ungeliebt er tatsächlich war. Wie sehr es den Vater geekelt hatte, wann immer er in seine Nähe gekommen war. Wie hässlich und abstoßend er seinen Jüngsten gefunden hatte. Wie er das Talent seines Sohnes, später immerhin ein weltweit gefeierter Bratschist, stets geschmäht und klein gemacht hatte.
Zwei Jahre noch kämpft Bibi, gegen seine Dämonen, dann stirbt er an einem tödlichen Mix aus Alkohol und Tabletten. Ein Schicksal, wie geschaffen für einen großen Roman.
Michael Degen, u.a. Autor der Bestseller-Autobiographie "Nicht alle waren Mörder", schildert eindringlich und klug, wie Bibis Leben aus den Fugen gerät, bis es in der Neujahrsnacht 1977 ein viel zu frühes Ende findet. Geschickt verquickt Degen Faktisches und Fiktives zu einem packenden Roman, der dem Charakter des realen Michael Mann möglicherweise hautnah kommt.
Phantasievoll und von großer sprachlicher Kraft, ergründet er die zerrissene Persönlichkeit Bibis, seinen verzweifelten Kampf um Anerkennung und Liebe, und die eisige Kälte einer intellektuellen Familie, die nicht einmal dann Verzweiflung und Trauer spürt, als sich der älteste Bruder, Klaus Mann, vom ewigen Kampf gegen den Übervater zermürbt, das Leben nimmt. Einziges, wenn auch leicht verspätetes Familienmitglied bei der Beerdigung des Bruders - Bibi. Eltern und Geschwister bleiben fern.
Mit seinem dritten Roman "Familienbande" hat Michael Degen sein bisheriges Meisterwerk geschaffen.