Verdis Ansinnen, eine komische Oper als letztes Werk zu verfassen, war verbunden mit der Suche nach einen geeigneten Libretto. War Shakespeares "The Tempest" noch 1850 im Gespräch, favourisierte Verdi achtzehn Jahre später Molieres "La Tartuffe" bis dann 1889 Arrigo Boito ohne Auftrag dieses Libretto auf Basis von Shakespeares
Die lustigen Weiber von Windsor an Verdi schickte. Anfangs lustlos an die Sache gehend, wie Verdi in einem Brief 1891 an Ricordi festhielt: "Ich habe den Falstaff zu schreiben begonnen, rein zum Zeitvertreib, ohne vorgefasste Gedanken, ohne Pläne; [...]" und doch scheint der Entschluss zu stehen: "Wenn er (Falstaff) kommt, kommt er; und er kommt, wie er kommt."
Verdi konnte dann 1893 seine letzte Oper uraufführen, seinen Falstaff, dem Shakespeare auf Drängen der Königin Liebestaumel und Amores unterstellen musste und Shakespeare die Ausprägung modellierte: Falstaff war nicht ganz von der feinen Art, ganz ohne guten Stil. Falstaff empört zwei Frauen, denen er den gleichen Liebesbrief schreibt.
Sir John, ein heruntergekommener Adeliger hat nichts mit dem großen Sir John Falstaff aus Henry IV und V gemeinsam. Als dicker Trunkenbold macht er kein gutes Bild. Die Frauen sprechen ihm jede erotische Eskapade ab und dennoch: "das Fett tropft ihm vom Schmerbauch, und trotzdem raspelt er noch Süßholz". Einzig mit dem Ziel, sich an den reichen Damen Alices Ford und Meg Page finanziell zu sanieren. Rache ist der Plan der Damen, unterstützt von deren Freundin Quickly und Alices Tochter Nannetta, auf die Dr. Cajus eine Auge geworfen hat wie auch der Adelige Fenton, der in Nannetta verliebt ist. Nun, es ist offensichtlich bereits im ersten Akt, dass sich zwei Themenkerne aufbäumen, der Rachefeldzug gegen Falstaff und die Frage der echten Liebe rund um Nannetta.
Der Reigen beginnt, Falstaff wird wie schmutzige und ungenutzte Kleidung in die Themse geworfen, nachdem aus der Maskerade heraus die Demaskierung seiner Untaten offensichtlich wurde. Seine Größe jedoch will er behalten: "Die Sorte Dutzendmensch mag mich verlachen und auch noch stolz darauf sein. Doch ohne mich fehlte ihr bei allem Hochmut das Salz in der Suppe. Ich bin's, der gewitzt macht, und meine Schlauheit weckt erst ihre Schläue."
Der finale dritte Akt ist Szene der moderaten, weil gewitzten Rache und Gewalt. Falstaff soll gehörnt bedrängt und solange malträtiert werden, bis er seine Schändlichkeiten gesteht. "Dann legen wir die Masken ab", sagt Alice zu ihrem Plan. Und so geschah es. Falstaff gesteht und während der Maskerade wurden zwei Hochzeiten bekannt gegeben von Ford, der seiner Tochter den für ihn richtigen Mann zur Seite stellte und auch er in der Demaskierung festzustellen hatte, dass Liebe sich seine Bahnen selbst sucht und nicht die Vorbestimmung des Vaters greift. Nannetta erhält Fenton zum Manne in der Regie von Alice in einem Wald voller Elfen und Kobolde, die wir aus einer
anderen Shakespeare Geschichte schon kennen.
Nun, wo die ungeplante Hochzeit nun hat stattfinden müssen, die Lage um Falstaff sich geklärt hat, steht eines fest: "Die ganze Welt ist Posse: Als Possenreiter ist der Mensch geboren. In Sachen Treue und Vernunft ist er nicht gerade sattelfest." Falstaffs Resumee: "Alle sind betrogen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten."
~~
Zusatz:
René Girard in: Das Heilige und die Gewalt unterscheidet Gemeinschaft und Gewalt und sucht das Zusammenhängende.
"Gewalt wird oft als irrational bezeichnet. Gleichwohl mangelt es nicht an Beweggründen; ja sie findet sogar sehr gute Gründe, um sich entfesseln zu können. Aber wie gut diese Gründe auch immer sein mögen, sie verdienen es nicht, ernst genommen zu werden. Sie werden nämlich von der Gewalt selbst vergessen, wenn das ursprünglich anvisierte Objekt sie zwar weiterhin anstachelt, aber ausser Reichweite bleibt. Die ungestillte Gewalt sucht und findet auch immer ein Ersatzopfer:
[...] Das Opfer schützt die ganze Gemeinschaft vor ihrer eigenen Gewalt, es lenkt die ganze Gemeinschaft auf andere Opfer ausserhalb ihrer selbst. Die Opferung zieht die überall vorhandenen Ansätze zu Zwistigkeiten auf das Opfer und zerstreut sie zugleich, indem sie sie teilweise beschwichtigt."
--- Alice, 3. Akt, 1.Bild
"Wenn Falstaff dann im Mantel und mit seinen Hörnern auftaucht, stürzen wir uns alle auf ihn und setzen ihm so lange zu, bis er seine Schändlichkeit eingesteht."
"Dann legen wir unsere Masken ab, und noch bevor es Tag wird, ist die vergnügte Schar wieder daheim."