Als ein Mensch, der den quirligen Hasen Roger schon bei seiner Leinwandpremiere im Jahr 1988 ins Herz geschlossen hat, habe ich der DVD, die nun endlich vorliegt, natürlich schon entgegengefiebert. Seit gestern gilt mir der lang ersehnte Silberling mit der turbulenten Film Noir-Parodie, die seinerzeit die Messlatte für die Verbindung von Realfilm mit animierten Elementen ein gehöriges Stück höher legte, jedoch als Inbegriff des Wortes von der Vorfreude, die bekanntlich die schönste Freude ist - handelt es sich doch bei dem vorliegenden
Release um eine speziell für die Veröffentlichung auf der Digital Versatile Disc beabeitete Schnittfassung.
Um eine um einige kurze Szenen 'bereinigte' Fassung nämlich, deren Fehlen bzw. Nachbearbeitung ja vielleicht wirklich nur erklärten Fans auffällt. Trotz und alledem wird es denen vielleicht wie mir gehen,dem die Retusche gehörig gegen den Strich geht. 'Who censored Roger Rabbit?' fragte der Titel der Romanvorlage, nach der 'Falsches Spiel mit Roger Rabbit' entstand - im Falle der DVD lautet die Antwort schlicht: die selbst erklärten Sittenwächter aus dem Hause Disney. Die nämlich, und das verrät wohl einiges über die Denkungsart der Damen und Herren aus dem Mäuse-Imperium, beäugen das Medium DVD ob einer seiner Vorzüge mit Argwohn - und mutmaßen, wer gewisse Einzelbilder genauer unter die Zeitlupe nimmt, könne sich moralisch über ein, zwei jener visuellen Gags entrüsten, die gelangweilte Zeichner von jeher in ihre Arbeiten einzuschmuggeln pflegen. Das mag in der 'Neuen Welt' so sein - im 'Alten Europa' jedoch hat schon 1988 niemand Anstoß an einer Bruchteile von Sekunden währenden Einstellung genommen, in der Cartoonfigur 'Baby Herman' eine Krankenschwester unsittlich berührt - und auch nicht daran, dass es für einen kurzen Moment lang so scheinen mag, als trüge
Jessica 'Ich bin nicht schlecht - ich bin nur so gezeichnet' Rabbit womöglich keine Unterwäsche.
'So scheinen mag'? Jawohl, so scheinen mag - denn ein Blinzeln genügt, und man hat die fraglichen Szenen bereits verpasst.
Nun aber, da sich dank des neuen Mediums kurze Augenblicke zu langen Standbildern einfrieren lassen - in einer erheblich besseren Bildqualiät als der des Formats VHS - nun können Szenen wie die genannten natürlich genauer denn je begutachtet werden. Und von wem? Natürlich auch von Kindern, Jugendlichen und anderen Zeitgenossen, deren Empfinden für Sitte, Anstand und Moral Szenen durch Szenen wie die erwähnten verletzt werden könnten - so zumindest der 'politisch korrekte' Ratschluss im Hause Disney.
Allein, es stellt sich die Frage: Warum lässt man dem mündigen Zuschauer, gerade dem im vergleichsweise liberalen Europa, nicht die Wahl? Warum bietet die vorliegende DVD neben der zensierten Schnittfassung nicht auch das Original - oder doch wenigstens eine Option, mit der sich auch die nicht retuschierten Einzelbilder in Augenschein nehmen lassen? Und - wo wir schon dabei sind: Warum, bittesehr, ist die für den deutschen Markt realisierte DVD-Fassung, wie so oft, nur eine abgespeckte Version der in den Staaten erschienenen Ausgabe - die neben einer 'Full Frame' auch eine 'Widescreen'-Version bietet, die, nebst anderen Zugaben, auch mit einem Audiokommentar von Regisseur Robert Zemeckis aufwartet?
Fazit: Aller Verstimmung ungachtet bin ich froh, dass ich mit der Verschwörungsgeschichte um das hyperaktive Karnickel Roger, Baby Herman und seinen anderen Freunden und Kollegen aus der Zeichentrickstadt 'Toon Town' nun endlich eine weitere Lücke in der heimischen DVD-Sammlung schließen kann. Neben Pluspunkten für Bild und Ton gibt's von mir außerdem ein 'thumbs up' für das Menüdesign, das dem Geist des Films Rechnung trägt sowie für die drei kurzen Roger Rabbit-Episoden, die seinerzeit nur im Kino bzw. auf einer speziellen Edition mit zwei Videokassetten zu bewundern waren. Abzüge gibt's hingegen von mir in der B(onus)-Note, da deutsche Fans einmal mehr mit einer Sparversion der US-Original-Veröffentlichung abgespeist werden - und eben dafür, dass 'Roger 2003' nun einmal nicht mehr der Roger ist, wie ich ihn in den 80ern kennen gelernt habe. 'Knapp vorbei'? Nein - der neueste Streich, den sich die Veranwortlichen bei Disney in Sachen 'Streichung' (ein Schelm, wer dabei an Begriffe wie 'Fundamentalismus' und 'Eiferei' denkt) geleistet haben, ist m.E. völig daneben, weshalb es von mir unterm Strich für die DVD, im Gegensatz zum eigentlichen Film, nicht die volle Punktzahl gibt.
Der Film 'Falsches Spiel mit Roger Rabbit' allerdings war klasse - und er ist es, da beißt auch keine Micky Maus einen Faden ab, auch heute noch: Trickfilmfans, die 'Roger' noch nicht kennen, kann ich die vorliegende DVD nur wärmstens ans Herz legen (gerade wer ein Faible für den anarchischen Humor der Warner Brother Cartoons hat, die seinerzeit in Konkurrenz zu den hochanständigen, sauberen Disney- Filmen entstanden, darf bedenkenlos zugreifen).