Dieser zweite Band ist nicht nur wesentlich dynamischer als der Vorgänger, er ist auch ungeheuer gut strukturiert und recherchiert. Die bisher kontroversen Ansichten einiger Rezensenten scheinen mir unbegründet. Jeder Mensch handelt aus Begierden & Ambitionen, woraus sich auch dessen Moralvorstellungen ergeben. Daher sind auseinaderdriftende Meinungen ganz verständlich.
Zugegeben, das Ende mag viele Leute schockieren oder ungläubig die Köpfe schütteln lassen; aber ich für meinen Teil, fand diese Geschichte unglaublich gut ausgetüftelt, daß ich mich nicht, an den ersten zeitigen Verweisen auf den Mörder, abschrecken lassen ließ. Frau Harris hat immer wieder signifikante Seitenstraßen benutzt, um bis zum Schluß vom Täter abzulenken (und Zweifel zu streuen). Aber auch wenn ich an meinen Verdacht festhielt, fand ich, den von ihr gewählten Weg sehr gelungen. Der Schluß strafte mich daher nicht - im Gegenteil, meine Erwartungen wurden noch übertroffen. Daher sind hier, von meiner Seite, die fünf Sterne vergeben.
Zum Inhalt: Gerade als Gastdozentin in Memphis tätig, findet die ''übernatürlich'', beschenkte Harper einen Leichnam eines toten Mädchens. Dies wäre so nicht weiter verwunderlich, da sie sich gerade auf einem Friedhof befindet und sich zweifelnden Studenten, wie einem selbstherrlich verliebten Professor Nunley gegenübersieht. Nach einer Vorstellung ihres Könnens, stößt sie auf das Grab von Josiah Poundstones, in dessen Ruhestätte, eine weitere Insasse Platz gefunden hat - die der kleinen Tabitha Morgenstern.
Tolliver & Harper werden sofort mit der Vergangenheit konfrontiert, da SIE vor fast zwei Jahren, mit der Suche nach der Kleinen von den Morgensterns, beauftragt worden. Mittlerweile ist die Familie von Nashville nach Memphis gezogen, wo nun auch ihre Tochter gebetet ist/war.
Von den Medien umzingelt und der Polizei beschlagnahmt, müssen sich die Stiefgeschwister und deren ehemaligen Auftraggeber, erneuten Untersuchen unterziehen. Nach erneuten Auseinandersetzungen mit den Morgensterns, erkennen Harper und Tolliver die Risse innerhalb der gebeutelten Familie. Einige suspekte Fakten erglimmen das Bewußtsein der Beiden. Und als wäre das nicht schlimm genug, hat sich Tolliver einen Fauxpas erlaubt, den Harper mehr als schlecht einstecken kann. Nicht zuletzt, ist da noch der FBI Agent, der damals schon bei den Ermittlungen um die verschwundene Tabitha dabei war. Anscheinend gilt sein Interesse nicht nur dem neuaufgerollten Fall; und da ist er nicht der Einzige. Nachdem eine alte Bekannte, eine Hellseherin, Harper aufsucht, wird das Katz - und Mausspiel immer konfuser. ,,Tabitha ist aus Liebe gestorben" Doch Harper läßt nicht locker, und will Tabitha und deren Familie, die zustehende Ruhe ermöglichen. Eine gefährliche Entscheidung, da Clyde Nunley nun ebenfalls im Grab von Poundstones tot aufgefunden wurde. Die Verbindung zu Clyde & Tabitha ist unausweichlich, während der Mörder im Hintergrund lauert.
Ein stimmiger Roman! Alle Figuren konnten überzeugen und sind glaubwürdig präsentiert - angefangen vom selbstgefälligen Professor, bis hin zum Täter. Auch ein häufig aufgegriffenes Thema v. Frau Harris: Die Homosexualität. Weiterhin, hat sie dieses Mal die jüdischen Glaubenzugehörigkeit eingeflochten. Frau Harris ist allgemein bemüht authentische Fakten darzulegen, weshalb sie Außenstehende in ihre Recherchen einbezieht.
Erneut wird Harper mit Unglaube und Ablehnung konfrontiert. Ihre Gabe Tote aufzuspüren und deren letzten Momente & Todesursache, wirkt auf die Umwelt verstörend. Harper's Einstellung -und dem Leser bewußt zynische Ader- reflektiert nur ihre Erfahrung, die sie einer facettenreichen und unschönen Vergangenheit zuschreiben kann. Hier wurde das Fundament gelegt. Ihre Fähigkeit, die sie erst nach dem Blitzschlag erhielt, hat lediglich ihre Haltung untermauert. Gerade diese Sichtweisen, sorgen bei dieser Krimireihe für zahlreiche Schmunzler.
Die Neueinführung einige Charaktere, sorgt fürderhin -der Leser ahnt es- für gewichtig progressive Rollen. Die private Situation zwischen den Stiefgeschwisterpaar, erfährt ebenfalls erste Risse zw. Veränderungen. Es gibt kein unbedachtes schnelles Ende, wie es einige Leser empfinden. Die resultierende Tat und deren Beweggründe, die den Schuldigen dazu bewegte, kann man nicht unbedingt mit Liebe assoziieren. (Aber diese Aussage kam, von einer ,debilen' u. surrealen Hellseherin.) Objektiv gesehen, ähnelt es eher einer ausschweifenden Leidenschaft, die zu einer krankhaften Steigerung ausuferte: eine Obsession. Dieser destruktive Charakter ist auf keinste Weise ,an den Haaren herbeigezogen' - solche Menschen existieren. Man muß kein Psychologe sein, um zu wissen, wie breitgefächert die Auslöser sein können, damit ein Mensch eine solche Handlung begeht.
Frau Harris Werke erfreuen sich alle samt großer Beliebtheit. Die geläufigste und erfolgreichste: >>Southern Vampire<< - bzw. >>Sookie Stackhouse - Reihe<<. (Genre: urban/ rural Fantasy)
>> Harper Conelly << ist die neuste Kreation der Autorin, hat aber nach vier Jahren ein Abschluß gefunden. Die Autorin arbeitet an ihrem Erfolgskind & Zugpferd >> Sookie Stackhouse << und deren Spin Off Serie, sowie zahlreichen zugehörige Sidestorys, daß sie keine Zeit in andere Projekte stecken kann bzw. will. Eigentlich schade, denn Harper hätte noch ein paar Fälle mehr lösen können. Doch bis dahin, bleibt uns die Vorfreude, auf die noch ausstehenden zwei Bände. Und wer weiß, vielleicht entschließt sich der dtv - Verlag zum Lizenzerwerb weiterer Harris Werke. Diese Frau kann überzeugen. Ihre Storys sind fundamentiert, die Diktion ist ansprechend und die Charaktere besitzen eine Seele (nicht zu verwechseln mit Tiefgang!). Sie gleitet nie ins Kitschige, hält sich bei Obszönitäten stark zurück und beflügelt profund.
Wer sich eine Kostprobe v. Frau Harris zulegen möchte, der sollte bei dieser Reihe oder dem Einzelroman >>Stummer Zorn<< zugreifen. Ein Versuch ist es wert.