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Falsches Futter: Gedichte (edition suhrkamp)
 
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Falsches Futter: Gedichte (edition suhrkamp) [Taschenbuch]

Marcel Beyer

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Haut- und Lautfehler

Marcel Beyers Gedichte

Es gibt ein altes Ratespiel, das heisst «Teekesseln». «Mein Teekesselchen», sagt das eine Kind, «hat Türme.» – «Und mein Teekesselchen», sagt das andere, «gibt es auch in deinem Haus.» – «Von meinem wehen viele Fahnen.» – «Meines ist ganz aus Metall.» Auf diese Weise dampfen schlaue Kinder Bedeutungen ein, beginnen sie ein Kesseltreiben mit Wörtern, bis verschiedener Sinn mit gleichem Klang ins: «Schloss» fällt. Auch «Tau», «Angel», «Birne», «Hahn» sind Teekesselchen, wie «Futter» (Tiernahrung/Stoffinnenseite).

«Falsches Futter» ist der Titel des ersten Gedichtbands von Marcel Beyer; sein Nachname prädestiniert ihn schon für dieses Spiel: «Die Haut-, die Lautfehler / beim Aufsagen des eigenen Namens.» Nein, er ist kein Bayer.

Der 1965 im württembergischen Tailfingen geborene Romanautor («Das Menschenfleisch», «Flughunde», beide im Suhrkamp-Verlag erschienen) debütiert nun mit gesammelten Versen der letzten Jahre, die die Lust am kindlichen Rätselraten und verschlüsselten Fabulieren auf ernstem Terrain ausprobieren. Er schreibt vom Krieg, den er aus der Literatur, aus Gesprächen und Archiven kennt; über Menschen, die den Faschismus erlebt und wiederum den Sohn, Enkel oder Autor geprägt haben; aber er schreibt auch gegenwartsbezogen über moderne Desperados, die in diesen seltsamen Friedenszeiten zwischen Ruhrgebiet und Wien im Ausnahmezustand leben.

Nahtstellen

Das Titelgedicht «Falsches Futter» evoziert eine Kneipenszene. Kriegsveteranen sitzen am Herrentisch und geben sich «alternden Gesprächen» hin, bis sie überblendet werden mit dem Bild eines schönen vorbeispazierenden Hundes. Dem folgt ein Herr, der aber nur «hinkendes Herrchen» ist «auf dem Weg zum Klo», schwankend und geil: «Sorgsam den Harndrang austarieren, / Schritt für Schritt, gefährliches Manöver. Dabei / Büffetkraft abtaxiert.» Während er sich hinter der quietschenden Klotür Erleichterung verschafft, frisst sein schöner Hund unbeobachtet falsches Futter aus einem Napf neben der Theke: «Das Herrchen / ruft. Der schöne Hund pariert. Denn falsches Futter / schmeckt beizeiten, sofern es artgerecht serviert.»

Das handelt von Verführung, ist ein bisschen gespenstisch und ein bisschen ekelhaft. Im folgenden Gedicht «Die flinke Kürschnerin» macht eine Frau «Ausschliesslich / Innennähte. Noch warm das frische Fell. / Dies, dieses mein Verhältnis. Pelzig, / innen die Gewänder. Bis zur Unkenntlich- / keit. Aus Abschaumfetzen (. . .) / Dies, dieses ihr Verhältnis / zum eigenen Körper hat sie mir vererbt. / Verbrecherisch. (. . .)» Die Kürschnerin – die Mutter dessen, der da Ich sagt?  –, die Kürschnerin, die einst die toten «Zobel flitzen» sah, ist jetzt selbst «ledern», verdaut nicht mehr, sondern erbricht nur noch. Das Gedicht schliesst ohne Punkt und Komma mit einer Nahtstelle: «Und das / Leben».

Beide Gedichte lassen, unabhängig voneinander, an bizarren Details Augenblicksszenen und Fragmente einer Biographie aufklingen. Aber zusätzlich korrespondieren sie über das Wort «Futter» nochmals miteinander: Tiernahrung und tote Haut schiessen zusammen und setzen den Akut auf eine problematische wie übergreifende Körperlichkeit. In den Texten findet dann eine Art (Ein-)Verleibung statt. Die Frage nach dem eigenen Leben wird variiert als: Was stecke ich mir in den Mund (auch welche Sprache?), und in welcher Haut stecke ich?

«Jetzt / Josef, blankgewichst die schwarzen Stiefel. / Derweil zermahlen meine Zähne Gurken, Ei, / Pastete, Käse. Der Dichter in der Landschaft, / STEIRERJOPPE und: BLONDIE LAUF! Die / todesnahe Einsamkeit des schöpferischen / Menschen: Jetzt, Josef, hebt sich leicht der / Wind, nachkoloriertes Wolkentreiben. Derweil / den Erdäpfelsalat ich auf der Zunge spüre,  / nachkoloriert Schluck Weissen, und ich lese / laut: PLATZ BLONDIE! (. . .)»

Detaillierte Benennung der Nahrungsaufnahme, gelesene Befehle an den Hund Blondie, Landschaftsskizzen mit dem schwarzbestiefelten Josef fügen sich in «Kirchstettner Klima» zu einem ungemütlichen Genrebild und antworten auf den vorangehenden Text «Blondes Gedicht», wo «blond» nicht ein Hundename (Blondie), sondern eine Klangnuance der Stimme gewesen ist: «Ich leg der Stimme etwas Blondheit auf.» Und dort, im Kaffee, nickte Josef am Nebentisch: «Dies ist die Sprache Gotens und Holunderlins.» Also: Mein Teekesselchen heisst Josef und hat eine Liebe für den Hund und die Sprache. – Mein Teekesselchen aber hebt gerne ein berauschendes Getränk aus Trauben.

Nun gut, Josef Weinheber, der die Gründungsfeier der Hölderlingesellschaft 1943 mit einer Ode an Hölderlin beschickte, ein mässiger Dichter und weniger mässiger Nazi, durchzieht das «Falsche Futter», und hat der Leser dies Rätsel gelöst und mit dem Lexikon etwas nachgeforscht, erschliesst sich manche hermetische Zeile ganz schnell.

Klang und Blick

Die poetische Begabung von Marcel Beyer, sein Sinn für Klang- und Bildkorrespondenzen stehen ausser Frage. Diese ersten Gedichte (weitere werden hoffentlich folgen) mögen manchen Lesern, die verstehen wollen, problematisch sein, denn ihr Assoziations- und Anspielungsreichtum scheint oft beliebig. Natürlich muss ein junger Dichter Anleihen bei den Alten aufnehmen. Aber Beyer mischt vieles, und mischt vieles nicht immer einsichtig. Er unterlegt den zornigen Ton des jungen Enzensberger, rüstet das Elegische Georg Trakls mit der Soldatensprache auf («Verklirrter Herbst»), nimmt Brecht-Anklänge («Plausch nun über Bäume») und von Paul Celan die Augenmetaphorik und die Lizenz, dass manches dunkel bleiben darf, was der Dichter so sagt (wobei die Beyerschen Verse locker imaginiert oder montiert sind und nicht die geschlossene, auch rhythmisch stringente Sprachoberfläche der Celanschen Lyrik anstreben).

Auch mit Bennschem Stoff sind seine Gedichte gelegentlich unterfüttert. Apropos: Wer dessen Zeilen «Nur zwei Dinge» nicht kennt, wird mit Beyers Schlussgedicht «Nur zwei Koffer» weniger anfangen können. Hier, wie auch bei vielen Namen und Details, über deren Impulsen Beyer Visionen aufbaut, wäre dem Leser durch kleine Hinweise höflich geholfen. Namhafte Dichter haben solche anmerkenden Notizen geschrieben. Denn schliesslich macht keiner ein gutes Spiel dadurch kaputt, dass er möglichen Mitspielern Einblicke in die Regeln gewährt.

Angelika Overath

Kurzbeschreibung

Das wahrnehmende und erinnernde Ich wird zum stöbernden Spuren- und Stimmensucher in der Gegenwart, zum Ohrenzeugen an Herrentischen, zum Protokollanten einer Geschichte vom Wien der dreißiger Jahre bis zum letzten Schlachtfeld des zweiten Weltkriegs vor Berlin. Das "Falsche Futter" der Weltanschauungen bleibt gegenwärtig, wo die Gegenwart noch undurchschaut mit der Vergangenheit verbunden bleibt. Zwischen den fotorealistisch scharf geschnittenen Bildern dieser Gedichte, die das Bedeutsame im alltäglich Kleinen finden, liegen der eigene Herkunftsort und die Funde in der Familiengeschichte. Ein blinder Fleck zu Anfang noch, aber im Gang durch Geschichte und zwischen Orten klären sich in den drei Abteilungen von "Falsche Futter" die Konturen, gewinnt der biographische Blick Tiefenschärfe.

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