Irre ich mich, oder konnten deutsche Filmemacher vor Mitte der 90er Jahre nicht auf erzählende Bilder vertrauen - zumindest das Gros? Wäre ein stilles Werk wie dieses vor zwanzig, geschweige denn dreißig Jahren denkbar gewesen? Unmöglich. Spätestens seit der Jahrtausendwende entstehen auch Filme made in Germany, die man nicht etwa nur "okay" finden kann, sondern die weit über dem liegen, was selbst amerikanische "Independents" (die schon lange nicht mehr unabhängig sind) kaum schaffen und die Franzosen schon eher. Die Schublade "Berliner Schule" ist ziemlich geräumig, auch wenn sie eine journalistische Erfindung ist. Dieser Film nun also ist eine hervorragende Charakterstudie eines Adoleszenten, der im Grunde kein pädagogisch zu heilendes Problem hätte. Ein Loner aus eigenem Willen, der seine Eltern insgeheim für spießig hält (sind sie wohl auch, aber das sind praktisch alle Eltern irgendwann), mit homosexuellen Begegnungen kokettiert, keine Richtung findet, ohne dass das jetzt gleich in einen "Gewaltakt münden" muss - wie so viele Filme dieser Art, mittlerweile eine arg verschlissene Konvention. Er tut gar nicht viel, und fügt seinem Leben eine entscheidende Wendung zu, als er sich zu einem Verbrechen bekennt, das er nie begangen hat. Natürlich ist auch dieser Film eine hervorragend beobachtete Einsamkeitsstudie, und der Hauptdarsteller ist genial gecastet. In Deutschland scheint es zahlreiche schauspielerische Talente zu geben, die einfach nur entdeckt werden müssen. Aber auch Manfred Zapatka gelingt eine differenzierte Vaterfigur. Die Vorstellungsgespräche und Tests, die der falsche Bekenner stoisch und gelangweilt ertagen muss, könnte man komödiantisch nennen, wenn sie sich nicht andauernd in mittelständischen Betrieben GENAU SO abspielen würden. Es gibt zwar zwei Szenen, die mir unnötig erscheinen (die einbrechenden Motorradtypen in Lederkluft, unterlegt mit den nervigen Dixie Chicks und die Heulszene in gekrümmter Bodenhaltung zwischen Stühlen nach der Beerdigung), aber das schmälert den Gesamteindruck gar nicht. Die letzte Einstellung zeigt ein enigmatisch lächelndes Gesicht hinter der Scheibe eines Polizeiautos. Da ich kurze Zeit danach das Meisterwerk "Requiem", den durchaus relevanten "Schläfer" sowie "Gespenster" gesehen habe, hat mir endgültig bestätigt, dass der deutsche Film international geworden ist und mehr als ein Zeitdokument bundesdeutscher Befindlichkeit und Marotten. Endlich!