Unter fünf Kapitelüberschriften hat Ingrid Noll 25 Kurzgeschichten und Erzählungen herausgebracht. Weil sie hier weder alle im Einzelnen beurteilt werden können noch als Gesamtheit, greife ich einige heraus.
In der Mischung gibt es Geschichten, wie man sie aus Nolls spitzer Feder kennt, z.B. "Falsche Zungen", in der eine Mutter ihren Sohn belauert, was dieser für seine Interessen ausnutzt; oder: "Ein milder Stern herniederlacht": Eine ehemalige Domina will nichts weiter als ein geruhsames Familienleben führen, aber die alten Freier hängen sehr an ihr und lassen sich auch gern für ihre Zwecke einspannen.
Ein Teil der Geschichten ist langweilig, weil vorhersehbar: "Der gelbe Macho" - Frau und Hündin frönen zur gleichen Zeit sexuellen Eskapaden - oder "Donau so grau", eine simple Mordgeschichte.
Wieder andere Geschichten haben historische Personen als Hintergrund und transportieren sie in eine neue Realität, wenn z.B. Maria die Weihnachtsgeschichte neu erzählt oder die Bärtige aus einem Gemälde von Riveras zu Wort kommt.
Aus dem Rahmen fällt das Kapitel "Nolls Nähkästchen"; unter diesem Motto stehen fünf autobiografische Erzählungen. Zwischen Mord und Boshaftigkeit wirken sie fehl am Platz. Während "Weihnachten in China" noch pointiert und witzig ist, erscheint "An Elise" - eine Art Brief an die neugeborene Enkelin - durch Rührseligkeit und Sentimentalität unpassend in diesem Band.
3 Sterne als Mittelwert für das gesamt Buch.