Als Korrekturleserin und Schreibende wollte ich zunächst einen gründlicheren Blick auf die Art, den Stand, die Bedeutung der Wortveränderungen tun. Herr Ickler ermöglicht das durch unermüdliches Anführen zahlreicher Alt-, Neu-, Zwischen- und Variantenschreibungen, so daß man sich fragt, mit welchen Organisationshilfen, eigentlich auch welchen Charaktereigenschaften, es jemand fertigbringt, durch das gigantische Chaos der letzten Jahrzehnte so unbeirrbar durchzublicken und es so akribisch immer wieder aufzuzeigen. Da Hr. Ickler alles in thematische Felder einbettet und da er witzig-scharf, kenntnisreich und - nicht so selbstverständlich! - im Dienste von uns Lesenden/Schreibenden und der Sprache schreibt, liest sich das Buch schon unter dem Aspekt des Sprachwissenschaftlichen bildend und kurzweilig, wie ein Krimi.
Das wirklich Bedenkliche aber ist das Politische, und das ist für mich das große Verdienst des Buches und des Herrn Ickler: mit welcher Akribie er Seite um Seite füllt mit den verschiedenen Stationen der Reform, mit Berichtsausschnitten und Zitaten, gar etlichen Selbstaussagen der Reformer und der unzähligen 'eigentlich dagegenseienden' Politiker, Journalisten, Verleger etc. Das Bild, das entsteht, ist so unglaublich wie jeder Blick in die politischen und wirtschaftlichen Küchen: man wird erinnert, wie aus Sandkastenspielen, psychischen Befindlichkeiten und Geldtrieb sogenannte Politik entsteht (und wie Propaganda funktioniert: schöner Zeitraffer!). Und wie sich auch der größte Mist durchsetzten läßt dank der menschlichen Schludrigkeit, Eitelkeit und der Angst vor Schwierigkeiten, die gerade uns Deutsche schon den Befehl ausführen läßt, bevor er ergangen ist(!), selbst wenn uns die Information mitgeliefert wird, daß er für uns gar nicht gelte(!!).
Ein Aber-hallo-Buch für alle, die denken, die Reform bedeute eh nicht viel mehr als den Unterschied zwischen 'ss' und 'ß', und ein Hallo-wach-Buch für alle, die nicht wissen, wie sie schreiben sollen - oder warum sie so schreiben, wie sie schreiben.
Übrigens ist nicht 'das Buch oder der Hr. Ickler heftig', wie jemand meinte (Hr. Ickler ist scharfsinnig und nimmt kein Blatt vor den Mund, aber das ist auch alles), sondern heftig ist das Beschriebene, und das ist ja mal ein wichtiger Unterschied. Von der verbreiteten Verdrehung von den Treffenden und den Betroffenen bis zur, wie Hr. Ickler an einer Stelle trocken meint, "landesüblichen Pathologisierung von Kritikern" ist es ja zufällig nicht weit.