Aus der Amazon.de-Redaktion
Nahezu nebenbei entwickelt Pruetz die Tragik seiner Geschichte, die Chancenlosigkeit von jungen Wissenschaftlern im Bildungssystem Ost, in dem die Vertuschung akzeptierte wissenschaftliche Methode war. Die Repressionen und deren Folgen grollen und grummeln im Hintergrund, blitzen auf und verziehen sich wieder. Sie machen nicht alles kaputt im Leben der drei Jungs, um die es geht, sie sind aber immer da und sie fordern am Ende -- man hätte es ahnen können -- ihr Opfer.
Es ist nicht die Art von Abrechnung mit dem politischen und wissenschaftlichen System der ehemaligen DDR, die dem heutigen Leser zu Recht auf den Zeiger geht, Pruetz macht es sanft und nachdrücklich. Seine Helden Matti, Wolfgang und Bruce sind liebenswert, sie sind fröhlich, sie leben, sie lassen aufleben und sie stehen im Mittelpunkt. Ihre Zeit ist das Thema des Romans, nicht ihre Probleme.
Es ist ein schnelles Buch, eine Geschichte, die keine Längen hat und dennoch nichts auslässt. Die Leser müssen nicht vorher wissen, auf was sie sich einlassen, sie können sich führen lassen, sie können sich unvorbelastet erzählen lassen, wie es war, jung und begabt zu sein im Osten, und sie finden ein glaubwürdiges Dokument einer vergangenen Zeit.
Aspekte werden angerissen, Weiterdenken stellt sich unweigerlich ein und immer wieder werden die Leser in ihren Köpfen kramen nach Vorurteilen und Meinungen, die sich festgesetzt haben. Sie werden diese Fundstücke dem Vergleich mit dem Gelesenen aussetzen und manche Überraschung erleben.
Dem Ernst des Themas steht wirkungsvoll die Lebenslust und der Witz entgegen, die der Roman großzügig um sich verbreitet. Die wilden Aktionen der drei Jungs, deren Intelligenz und die derben Schläge ins Gesicht derer, die Mief und gedankliche Enge erwarten hinter der Mauer tun ihr Übriges zum hohen Unterhaltungswert. Es findet sich kein Staubkörnchen zwischen den Zeilen, das Buch ist frisch, es ist gut. Und doch streut es Sand in allzu geölte Denkgetriebe. --Petra Breitenbach
Kurzbeschreibung
Ein Roman in schnellen Schnitten, komisch, aber mit Tiefgang, keine endgültige, aber eine mögliche Antwort auf die Frage: Wie war das eigentlich, jung sein, damals in der DDR?
Berlin-Ost 1976: Wolfgang Pohling ist 16 Jahre alt und gerade dabei, ein neues Leben zu beginnen. Das Theater um Klausuren und Aufnahmegespräche für die hochangesehene Humboldt-Universität hat er relativ gelassen überstanden; nun lässt er heilfroh die Enge eines vorpommerschen Provinznestes hinter sich. In zwei Jahren wird er als Schüler einer mathematisch-physikalischen Spezialklasse an diesem erlesenen Institut sein Abitur ablegen. Gleich am ersten Tag beginnt die Freundschaft zu Matti, Wolfgangs Zimmergenosse im Studentenwohnheim. Sie gehen in dieselbe Klasse, diskutieren über Glauben, Philosophie und Politik, um anschließend im nächtlichen Berlin eher diesseitigen Betätigungen nachzugehen. In der gemeinsamen Wohnung lebt auch Gerd Förster, Bruce genannt. Bruce ist eine Legende: Schon als Dreizehnjähriger war er Preisträger der internationalen Mathematikolympiade - und trotzdem ist er die Witzfigur der Schule. Er glaubt an die absolute Wahrheit von Leistung und Erkenntnis. Doch sowohl für Matti als auch für Bruce wird mit diesem Schuljahr die Zeit an der Elite-Uni ein vorzeitiges Ende haben. Matti hat sich in ein Mädchen verliebt, das in großen Schwierigkeiten steckt. Seine Entscheidung für diese Freundschaft bedeutet Probleme mit der Sicherheit und damit das Ende seiner Laufbahn. Bruce wiederum, naiv und genial zugleich, muss begreifen, dass sein berühmter Professor und Mentor Datennmaterial manipuliert. Auch er trifft eine Entscheidung.