Wenn die eigenen Ideen weit über die Jetzt-Zeit hinausreichen und man sich gegen alle Widerstände und Lächerlichkeiten durchsetzen muss, dann ist man ein leidenschaftlicher Erfinder, der sich nicht von seinem Ziel abbringen lässt. Dieses Buch zeigt in szenenhaften, kurzen Episoden, wie Albrecht Ludwig Berblinger, der Schneider von Ulm, seinen Traum vom Fliegen verwircklichte. Der einzige Fehler damals: er hätte den König bzw. die Honorationen auf eine Wiese außerhalb der Stadt einladen müssen und den Standort seines Absprungs nicht an das Donauufer legen dürfen. Dort gab es nur Fall- und keine Aufwinde - aber leider war ihm dies zu jener Zeit noch nicht bekannt.
Johannes Schweikle liefert in den kurzen Kapiteln ein treffend genaues Bild der damaligen napoleonischen Zeit, deren revolutionäre Einschnitte jeden betrafen, deren Bürgertum beim Schneider von Ulm modisch aufs Neueste getrimmt wurden. Diese Episoden des Ankleidens und der Auswahl neuer Leibkleider haben mich amüsiert, die Mode war damals mehr oder weniger am Adel und den Honorationen der freien Reichsstadt Ulm ausgerichtet.
Zu Beginn des Buches wird auch der lokale Redakteur Jakob Schwenk beschrieben, ein Mann mit widerständigen Gedanken (der 89er), der am liebsten über Fürstenwillkür und die Revolution redete, jetzt aber in der Lokalzeitung den "Großteil des Tages mit der Annahme von Kleinanzeigen verbrachte". Alleine diese Studie ist wunderbar gelungen und mündet z.B. in diese erhellenden Sätze: "Seine langen Arme waren immer noch dünn. Aber die kleinen Kreise seiner Brillengläser ruhten jetzt auf den großen Kreisen seiner Backen."
Die einzige Problematik Berblingers war, dass es zu seiner Zeit noch keine Fotoapparate gab. Sonst hätte man festgehalten, dass er lange vor seinem "Durchfall in die Donau" am Michelsberg schon tatsächlich minutenlang geflogen war, ja eigentlich als Erfinder des Gleit-Fliegens bezeichnet werden müsste. Der Autor umschreibt das 18. Jahrhundert als Erfinder-Jahrhundert bzw. skizziert die Anfänge des Fliegens (ab Leondardo da Vinci) ebenso wie die nach Berblinger folgenden Erfindungen des Laufrades, der Dampfschifffahrt, des Autos und des Zeppelins.
Die Rehabilitation Berblingers erfolgte 175 Jahre später ' mit einem Wettbewerb: wer schafft den Flug über die Donau, exakt von der Berblinger-Startstelle aus? Von 30 Startern gelang es einem, mehr sei nicht verraten. Seine Konstruktion reichte weit in die Zukunft, ein ähnlicher Erfinder wie Berblinger.
"Wer etwas wagt, beschämt die Bequemen." Ein weiterer gelungener Satz aus diesem Buch, ans Ende gesetzt vom Schiffer, der Berblinger nach seinem Sturz aus der Donau zog. Was geschah mit Berblinger? Seine Frau verließ ihn, die Kunden blieben von heut auf morgen weg, er starb verbittert und verarmt.
"Hinter seinem Absturz konnten sie bequem alles verstecken, was ihn ihrem Leben schief gegangen ist." Ganz Ulm hat ihn zum Sündenbock erhoben. "Sogar an der Hungersnot ein paar Jahre später sollte der Albrecht schuld sein. Da hieß es: Der hat Gott versucht mit seiner Fliegerei."
Wunderbar die Schimpfwörterkaskaden auf Seite 176, die man dem Berblinger nach seinem Absturz nachsagen durfte: "Bachel, Dollweg, Glufamichel, Halbdackel, Grasdackel, Schafseckel, Weidag. Aber das schärfste Geschütz schoss hochdeutsch: Versager"
Hintergründe zu den Erfindungen des 18. Jahrhunderts, auf das Geschickteste verwoben mit der Schneider von Ulm Geschichte, dieser Roman scheint mir eine wirklich annähernd wahre Perle zu sein, dessen gelungene Sätze ich ebenso ein zweites Mal gelesen habe wie die gesamte Geschichte.
Unbedingt lesen.