Wie nähert man sich als Romancier den Anschlägen auf das World Trade Center? DeLillo wählt den Kontrast zu dem Schema, das wir vor allem als Kinobesucher verinnerlicht haben. Bei DeLillo gibt es keine großen Bilder, kein dramatisches Portrait einer bunten Gruppe von Menschen, die teil hysterisch und teils vernünftig auf die Katastrophe reagieren, und - obwohl es hier nahegelegen hätte -, gibt es auch keine Schurken.
Im Mittelpunkt steht ein überlebender Jurist, der dem Inferno mit Glück entkommen konnte, und der, weil ihm nichts Besseres einfällt, zu seiner geschiedenen Frau und dem gemeinsamen Kind zurückkehrt. Thematisch geht es weniger um das spektakuläre Ereignis als um den Umgang mit dem Trauma.
Der Text lebt insgesamt - hierin V. Woolf nicht ganz unähnlich - eher von Stimmungen, Wahrnehmungen und Bewusstseinszuständen als von großen Konflikten oder Taten. Sowohl Keith, der Überlebende, als auch seine Frau, sind durch die Katastrophe traumatisiert und entsprechend desorientiert. Beide sind auf der Suche - nach Normalität, nach Halt, nach Orientierung. Beiden gelingt das aber, so viel darf man wohl verraten, bis zum Schluss nur halb.
Eingeschoben sind drei kürzere Kapitel, in denen die Perspektive nahe bei verschiedenen am Anschlag beteiligten Terroristen liegt. Eine Szene spielt in Hamburg, eine im arabischen Raum, und eine, am Ende, über dem Hudson River. Und auch hier konzentriert sich die Darstellung auf die Wahrnehmung jener kleinen Dinge, die - so DeLillos sinnvolle These - auch das Leben von Menschen ausmachen, die unvorstellbar viel Leid über andere bringen. Menschlich, allzumenschlich vielleicht, sind sie - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Das Ganze ist ein stimmungsvolles und ein durchaus auch anspruchsvolles Stück Literatur. Ein ganz wenig mehr Entwicklung zwischen Trauma und Ausblick auf ein Ende wäre aber vielleicht auch ganz gut gewesen.
Und so schön das Buch irgendwie schon ist: in der Schule wird man mit dem Buch schnell an Grenzen stoßen. Selbst wenn Schüler in der Kursstufe sagen, dass sie etwas über "9/11" lesen wollen: Für das, was hier geboten wird, reicht bei den meisten Schülern zum einen die Geduld nicht, und grundsätzlich dürfte sich das Interesse für die Sorgen und Perspektiven eines traumatisierten Mitvierzigers bei den meisten Schülern in Grenzen halten.
Immerhin jedoch: für erwachsene Leser jenseits der Schule machen die Vokabeln unter dem Text die Lektüre deutlich einfacher - und deutlich interessanter: Schließlich ist "Falling Man" auf eine unauffällige Weise ein recht poetischer Text, der eine ganze Sinndimension erst entfaltet, wenn der Leser auch die idiomatischen Wendungen und die umgangssprachlichen Formulierungen wahrnimmt und versteht. Also: sehr empfehlenswert, wenn auch nicht unbedingt für den Unterricht.