Dem hartarbeitesten, britischen Melancholiker von Paris, Stuart Staples - von jeher Sänger/Lyriker der Tindersticks, ist zusammen mit seinen frühsten Weggefährten ein
wirklich hervorragendes gelungen, das man so hätte nicht erwarten können.
Auf die faule Haut des Schreibens legt sich der exzentrische "Kopfrocker" nicht, obwohl dies nach zahlreichen Alben, die sich in den Bestenlisten wie in den Herzen von Feuilttonisten und intelligenter Alternativemusikliebhaber festgesetzt haben, durchaus legitim wäre. Wirkte die letzte und gleich erste Platte der drei verbliebenen Gründungsmitglieder, nachdem Austieg/Trennung von Staples' kongenialem Streicher und -Arrangeur Dickon Hinchliffe, dem Schlagzeuger und dem Bassisten, noch ein wenig hölzern und eher wie ein - natürlich geistreich instrumentiertes - zusammengewürfeltes Soloalbum von Staples - greift der Neuling die Ansätze von "The Hungry Saw" auf, entwickelt diese weiter und macht es zu einem eigenständigen, homogenen Werk, somit einem weiteren, höreneswerten Highlight in der Diskographie der Tindersticks.
Wer die Tindersticks nicht kennt, muss sich natürlich erst an ihre eigenartige, aber lohenswerte, Mélange aus Jazz, Klassik, Retro-Rock, Blues, Country, Indie und Soul - sowie an ihren unabstreitbaren Hang zum Kitsch - gewöhnen, so waren sie doch als einer ungewöhnlichsten, englischen Bands der 90er Jahre hoch anerkennt. Mit "Falling Down A Mountain" ist den TINDERSTICKS jetzt, melodisch wie episch, eine beachtliche Werkschau aus verschiedenen Schaffensphasen gelungen, die besonders (so hat man als langzeitiger Fan das Gefühl) auch wieder Neueinsteigern die Faszination dieser Musik ausdrücklich näherbringen kann.
Das Schönste für Connaisseurs sei gleich zu Beginn gesagt: Sie klingen frisch und grooven wieder wue auf dem "First Album" - der Opener und gleichnamige Titeltrack lässt einen die komplexe, wirre und rebellische Luft des Erstlings einatmen - verquerte Takte und jazzige Bläser, melodiöse, mehrstimmige Mantren und schnoddrig genuschelte Poesie - im Gegenzug dazu sind sie allerdings streckenweise wieder soulig, wie in der späteren Phase der Urbesetzung, wie z.B. auf "Simple Pleasure" oder "Can Our Love...", denn im besten Retro-Soulgewand tönt "Harmony Around My Table" und lädt zum heiteren Mitschnippen und Mitsummen der fortwährend groovenden Backing Vocals. Auch die verträumte, tiefst melancholische und fragile Seite à la "Curtains" oder dem Zweitling kommt nicht zu kurz. Ein Stück wie "Piano Music" wiederum erinnert an die innehaltenden Instrumentalstücke auf den Soundtracks für französische Independent-Filme wie "Nénette et Boni". An zweiter Stelle gelungen positioniert - ist das eingängige Stück "Keep You Beautiful". Die gesamte Abwechselung des Albums ist beeindruckend;
so hat man doch einfach wirklich fünf, sechs Alben der Briten auf einer CD -
vertraut wie gleichzeitig erfrischend!
"Peanuts" ist ein Ohrenschmaus und, so lege ich mich jetzt fest, das allerbeste Duett mit weiblicher Stimme, das sie je aufgenommen haben. Die kanadische Sängerin, die hier zu hören ist und wie man außerdem lesen kann, zuvor nur mit dem mit ihnen ab und an verglichenen Tom Waits und Morrissey gearbeitet hatte, sich also folglich rar macht, harmoniert mit Stuarts tiefem Barriton wie keine andere zuvor, verpasst der Stimmung des Liedes konträr etwas von naiver Leichtigkeit. Man lässt sich von einer bezaubernden countreyesquen Jazzpop-Perle verzücken, bei der die Zeit um einen herum stehen bleibt, genauso wie beim absoluten Höhepunkt der CD, nämlich Nummer 9, "FACTORY GIRLS"!
Sie ist eine wundersame, reflektierende Gefühlsballade mit einer magischen Klavierfigur, die sich langsam aufbaut und die ohne Weiteres auf dem Meilenstein "Second Album" stehen könnte - wer hätte gedacht, dass sie noch einmal auf solch einen eingängigen und zudem originellen Song kommen, der zu Tränen rührt und in seiner Kompaktheit in einer Linie mit dem wohl berühmtesten Titel "Tiny Tears" steht, ohne dabei voriges zu kopieren bzw. ein Abklatsch dieser Phase zu sein.
Thematisch verzweifelt und selbstkritisch rückblickend : "It's the wine that makes me sad, not the love I haven't had!"...
Auf dem gesamten Album herrscht eine sentimentale Stimmung, man will gleich wieder alle alten Alben rauf und runter hören, und dass selbst wenn man das schon all die Jahre zuvor bereits oft genug getan hat - aber die Sentimentalität ist nicht flach, sondern vom Aufbruch des Weitermachens euphorisch und voller Freude getragen. Die vorher genannte Abwechselung wird diese CD für Kenner wie Neulinge
dauerhaft auf den Player zwingen, und so schnell nicht mehr von sämtlichen medialen Abspielgeräten Platz machen!
Aus aufnahmetechnischer Sicht trifft CD auch durch Klang und Mischen von Schlagzeug, Bass und Gitarren den Zeitgeist.
Bereits früh im neuen Jahr setzen die englischen Altmeister mit "Falling Down A Mountain" die Latte für melancholische Alternative-Musik durch eine retroperspektiv und abwechslungsreich erfrischende Werkschau in diesem Jahr überraschend hoch.